Internationale Kollegen, internationale Zufälle · 3 min Lektüre

Der Zusammenbruch auf der Bühne

Karteikarte Nr. 002 — Datum: Premierenabend, ausverkauftes Haus. Kürzel: R.K., 61 J., Dirigent. Stichwort: plötzlicher Zusammenbruch mitten im Konzert, akute Rückenmarkskompression, Notoperation unter öffentlicher Aufmerksamkeit. Notiz: ein Programmheft jenes Abends, mit einer handschriftlichen Widmung des Orchesters versehen.

Der Fall

R.K. war einundsechzig, ein national bekannter Dirigent, mitten im zweiten Satz einer Sinfonie, als er, vor den Augen eines vollbesetzten Konzertsaals, plötzlich zusammenbrach und regungslos auf dem Podium liegen blieb. Im Saal herrschte, wie mir später mehrere Zeugen berichteten, für einen langen Moment eine erschrockene, ratlose Stille, bevor ein im Publikum anwesender Arzt zum Bühnenrand eilte und die Musiker, mit ruhiger, aber bestimmter Stimme, baten, sofort einen Rettungswagen zu rufen. R.K. war, als er bei uns eintraf, bei Bewusstsein, klagte aber über eine rasch fortschreitende Taubheit in beiden Beinen, ein alarmierendes Symptombild, das auf eine akute Kompression des Rückenmarks hindeutete.

Die Wendung

Die sofort durchgeführte Bildgebung bestätigte meinen Verdacht: eine plötzliche, spontane Einblutung im Bereich der Wirbelsäule hatte das Rückenmark unter erheblichen Druck gesetzt, ein seltenes, aber hochgefährliches Ereignis, das binnen Stunden zu einer bleibenden Querschnittslähmung hätte führen können, wenn nicht sofort operativ eingegriffen würde. Die Nachricht von R.K.s Zusammenbruch hatte sich, noch während wir seine Bildgebung auswerteten, bereits in der Stadt verbreitet, und ich spürte, zum ersten Mal in dieser Form seit dem Fall des Diplomaten, den ich in Band 2 beschrieben habe, den zusätzlichen Druck einer Öffentlichkeit, die die Entwicklung dieses Falls aufmerksam verfolgte.

Die Rettung

Ich operierte R.K. noch in derselben Nacht, eine Entlastung des komprimierten Rückenmarks durch die gezielte Ausräumung der Einblutung, eine Operation, die technische Präzision unter erheblichem Zeitdruck verlangte. Ich erinnere mich, wie ich mich, während der Vorbereitung, bewusst von dem Gedanken an die öffentliche Aufmerksamkeit löste, die dieser Fall bereits erregt hatte, und mich, wie bei jedem anderen Patienten auch, ausschließlich auf das konzentrierte, was vor mir lag: ein Mensch, dessen Zukunft von der Präzision meiner Hände abhing, unabhängig davon, wie bekannt sein Name war.

Der Weg zurück

R.K.s Beinfunktion besserte sich, in den Tagen nach der Operation, kontinuierlich, und nach einer intensiven, mehrmonatigen Rehabilitation konnte er, entgegen anfänglichen Befürchtungen, wieder ohne bleibende Einschränkung gehen. Er kehrte, knapp ein Jahr nach seinem Zusammenbruch, tatsächlich ans Pult zurück, dirigierte, in einem emotional aufgeladenen Konzert, dieselbe Sinfonie, bei der er zusammengebrochen war, diesmal bis zum letzten Takt. Das gesamte Orchester überreichte mir, nach jenem Konzert, das Programmheft jenes Abends, versehen mit einer handschriftlichen Widmung aller Musiker.

Die Nachwirkung

R.K.s Fall hat mir erneut vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich von der öffentlichen Aufmerksamkeit eines Falls nicht beeinflussen zu lassen, sondern die eigene, konzentrierte medizinische Aufmerksamkeit ausschließlich dem Menschen zu widmen, der vor einem liegt. Ich habe diesen Grundsatz, der mich durch meine gesamte Laufbahn begleitet hat, seither noch bewusster an jüngere Kollegen weitergegeben, gerade in Fällen, die, wie dieser, unweigerlich öffentliches Interesse erregen. Ich erinnere mich, dass ich in den Tagen nach der Operation mehrere Interviewanfragen erhielt, die ich, wie bei jedem meiner Patienten, konsequent ablehnte, weil ich der festen Überzeugung bin, dass die Genesung eines Menschen, gleich welcher Bekanntheit, in erster Linie ihm selbst gehört und nicht der Öffentlichkeit, die begierig auf Neuigkeiten wartet.

Besonders bewegend fand ich, bei R.K.s letztem Konzert vor jenem vollbesetzten Saal, wie er, kurz bevor er den Taktstock hob, kurz innehielt und, wie mir später berichtet wurde, in Richtung des leeren Sitzes blickte, den man ihm reserviert hatte, ohne dass ich der Einladung an jenem Abend hatte folgen können. Er schickte mir, wenige Tage später, eine private Aufnahme jenes Konzerts, mit der Bitte, sie mir in Ruhe anzuhören, eine Geste, die mich tief berührte.

Ich lege das Programmheft, mit der Unterschrift des gesamten Orchesters versehen, zu den Erinnerungsstücken, mit denen ich diesen neuen, dritten Band beginne, und ziehe die nächste Karte aus dem noch fast vollständig gefüllten Kasten.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."