Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Zug durch die Tauern
Karteikarte Nr. 112 — Datum: verschneiter Winterabend, Zugfahrt durch die Alpen. Kürzel: M.H., 44 J., Mitreisende. Stichwort: akutes Querschnittssyndrom während der Zugfahrt, improvisierte Erstversorgung, Nothalt an einem abgelegenen Bahnhof. Notiz: eine alte Zugfahrkarte, mit einem handschriftlichen Dank auf der Rückseite.
Der Fall
Ich war, an einem verschneiten, sehr kalten Winterabend, mit dem Zug auf dem Heimweg von einem Fachvortrag, den ich in einer Nachbarstadt gehalten hatte, als sich, wenige Abteile weiter, plötzlich spürbare Unruhe unter den Mitreisenden bemerkbar machte. M.H., eine vierundvierzigjährige Frau, die schon seit Längerem über Rückenschmerzen geklagt hatte, spürte während der Fahrt eine plötzliche, dramatische Verschlechterung, mit rasch fortschreitender Taubheit und Schwäche in beiden Beinen, ein klassisches Bild eines sich akut entwickelnden Querschnittssyndroms, das sie selbst zutiefst erschreckte. Eine Mitreisende, die von meinem Beruf durch ein zufälliges Gespräch kurz zuvor erfahren hatte, eilte, sichtlich beunruhigt, zu mir und bat mich eindringlich um Hilfe.
Die Wendung
Die Untersuchung, so gut sie unter den beengten Bedingungen eines fahrenden Zugabteils überhaupt möglich war, bestätigte meinen Verdacht auf eine akute, schwere Kompression des Rückenmarks, einen Zustand, der eine sofortige neurochirurgische Versorgung erforderte, die in dieser Form auf offener Strecke natürlich nicht möglich war. Ich kontaktierte, über das Zugpersonal, umgehend die Rettungsleitstelle und riet mit allem Nachdruck zu einem außerplanmäßigen Nothalt am nächstgelegenen Bahnhof, um M.H. dort einem wartenden Rettungswagen übergeben zu können, eine Empfehlung, die die Zugführung, nach kurzer interner Abstimmung, ohne weiteres Zögern umsetzte.
Die Rettung
Während der verbleibenden, zum Glück nur kurzen Fahrt bis zum nächsten Bahnhof lagerte ich M.H. so vorsichtig wie möglich, um eine weitere Verschlechterung durch unbedachte Bewegungen zu verhindern, und beruhigte sie, so gut es die beengten Umstände eines fahrenden Zuges zuließen, mit ruhigen Worten und der Zusicherung, dass Hilfe bereits unterwegs war. Am Bahnhof übernahm ein bereits informierter Rettungswagen die weitere Versorgung und brachte sie ohne Verzögerung direkt in unsere Klinik, wo ich, kaum selbst angekommen, die notwendige Notfalloperation vorbereitete. Die Bildgebung bestätigte einen massiven Bandscheibenvorfall, den wir noch in derselben Nacht operativ entlasteten.
Der Weg zurück
M.H. erholte sich, dank der raschen Kette aus zufälliger ärztlicher Präsenz, schnellem Nothalt und unmittelbarer Operation, überraschend gut, mit nur einer geringfügigen, sich weiter zurückbildenden Schwäche in einem Fuß. Sie schrieb mir, einige Wochen später, einen langen, ausführlichen Brief, in dem sie festhielt, wie unwahrscheinlich es ihr im Rückblick erschien, dass ausgerechnet in ihrem Zugabteil, an jenem gewöhnlichen Winterabend, ein Neurochirurg gesessen hatte, und legte ihre alte, längst entwertete Fahrkarte jener Reise bei, mit einem handschriftlichen Dank auf der Rückseite, den sie, wie sie schrieb, extra für mich aufbewahrt hatte.
Die Nachwirkung
Dieser Fall gehört zu jener besonderen Kategorie von Geschichten in meinem Archiv, in denen schierer Zufall über den Ausgang einer medizinischen Krise mitentscheidet, ähnlich wie bei meinem eigenen Notfall über dem Atlantik, von dem ich bereits erzählt habe. Ich fahre seither, wann immer es sich einrichten lässt, bewusst mit dem Zug statt mit dem eigenen Auto, nicht aus einer übersteigerten Erwartung heraus, ich könnte erneut gebraucht werden, sondern aus einer stillen, über die Jahre gewachsenen Dankbarkeit für die vielen unsichtbaren Fäden, die unser aller Leben manchmal auf unvorhersehbare Weise miteinander verknüpfen. Meine Frau necken diese kleine, neue Gewohnheit gelegentlich mit einem Augenzwinkern, doch ich glaube, dass sie im Grunde genau versteht, woher sie kommt, auch wenn wir selten ausdrücklich darüber sprechen.
Ich lege M.H.s alte Fahrkarte zu meinen anderen Erinnerungsstücken, ein kleines, unscheinbares Stück Pappe, das eine erstaunliche Geschichte in sich trägt, und ziehe, während draußen der Schnee weiterhin lautlos und gleichmäßig fällt, die nächste Karte aus dem Kasten, bereit für eine neue Geschichte.
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Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."