Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Der Zug, der eine ganze Reihe ins Rollen brachte

Ich lege das kleine, gestickte Halsband beiseite und lasse eine weitere Erinnerung an die Entstehung einer meiner ungewöhnlicheren Buchreihen zurückkehren.

Es war, während einer langen, ruhigen Zugfahrt zu einem wichtigen Verlagstermin, als mir, beim Beobachten meiner Mitreisenden in einem gut besetzten Großraumwagen, eine Beobachtung kam, die sich, über die folgenden Monate, zu einer ganz eigenen, ungewöhnlichen Buchreihe entwickeln sollte: Wie viele unterschiedliche, oft zutiefst bewegende Lebensgeschichten mochten sich wohl unter den zahlreichen Passagieren eines einzigen Zuges verbergen, Menschen, die für nur wenige Stunden gemeinsam denselben Raum teilten, ohne voneinander zu wissen, welche Erfahrungen, Freuden und Sorgen jeder Einzelne mit sich trug?

Ich entwickelte, aus dieser einen, eher beiläufigen Beobachtung heraus, die eigentliche Idee einer Reihe, die sich gezielt Menschen jenseits der fünfzig widmete, jener bedeutsamen Lebensphase, die, wie ich aus eigener persönlicher Erfahrung und aus zahllosen Patientengesprächen wusste, oft von tiefgreifenden Neuorientierungen begleitet wird, sei es durch den Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand, durch veränderte, oft unerwartete familiäre Situationen oder durch die ganz bewusste Entscheidung, dem eigenen Leben noch einmal eine neue Richtung zu geben. Ich wollte, mit dieser neuen, ungewöhnlichen Reihe, Geschichten erzählen, die dieser besonderen Lebensphase jene erzählerische Aufmerksamkeit und Sorgfalt schenkten, die ihr, wie mir zunehmend schien, in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur oft zu fehlen schien.

Ich entschied mich schließlich, jeden einzelnen Band dieser Reihe nach einem griechischen Buchstaben zu benennen, eine bewusst gewählte, leicht wiedererkennbare und einprägsame Struktur, die den Leserinnen und Lesern verlässlich signalisieren sollte, dass sie es, trotz wechselnder Handlungen und stets neuer Figuren, stets mit derselben grundlegenden erzählerischen Idee zu tun hatten: Menschen, die sich, in der zweiten, reiferen Hälfte ihres Lebens, noch einmal ganz neu erfinden. Ich siedelte die gesamte Rahmenhandlung dieser Reihe bewusst in einem fiktiven, komfortablen Sonderzug an, der seine wechselnden Passagiere zu unterschiedlichen, oft völlig unerwarteten Reisezielen brachte, eine bewusst gewählte erzählerische Klammer, die mir erlaubte, in jedem einzelnen Band neue Figuren und Geschichten einzuführen, während die grundlegende Prämisse der gesamten Reihe konstant und wiedererkennbar blieb.

Die Resonanz auf diese Reihe überraschte mich in ihrer Intensität, besonders von Leserinnen und Lesern, die sich selbst genau in jener Lebensphase befanden, die ich zu beschreiben versuchte, und die mir in zahlreichen Zuschriften bestätigten, wie sehr sie sich in den geschilderten Figuren und deren Neuanfängen wiedererkannten. Ich erhielt sogar mehrere Zuschriften von Lesern, die mir schrieben, dass gerade diese Bücher sie ermutigt hätten, eigene, lange aufgeschobene Veränderungen in ihrem Leben tatsächlich anzugehen, eine Rückmeldung, die mich, angesichts der ursprünglich eher beiläufigen Beobachtung in jenem Zugabteil, mit besonderer Freude erfüllte. Ich habe mich, seit Beginn dieser Reihe, bewusst dafür entschieden, meine Figuren nicht als bloße Randerscheinungen ihrer eigenen Lebensgeschichten zu behandeln, sondern als vollwertige Protagonisten, deren Erfahrungen und Entscheidungen ebenso viel erzählerisches Gewicht verdienen wie die jüngerer Hauptfiguren in anderen literarischen Werken, eine bewusste erzählerische Haltung, die mir, im Rückblick, zu einem der wichtigsten Anliegen meines gesamten schriftstellerischen Schaffens geworden ist.

Ich habe, während der Arbeit an dieser Reihe, auch selbst viel über meine eigene, fortschreitende Lebensphase nachgedacht, über die Frage, welche eigenen Neuanfänge mir möglicherweise noch bevorstehen könnten, eine Reflexion, die mein eigenes Schreiben, wie ich rückblickend feststelle, auf eine unerwartet persönliche Weise bereichert hat, weit über die reine erzählerische Konzeption dieser einen Reihe hinaus.

Ich greife nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, mit der stillen Erinnerung daran, wie oft die unerwartetsten, alltäglichsten Momente, wie eine ganz gewöhnliche Zugfahrt, den Anstoß zu meinen bedeutsamsten schriftstellerischen Projekten gegeben haben, ein Umstand, der mich immer wieder aufs Neue daran erinnert, wie wichtig es ist, auch im vermeintlich Unbedeutenden aufmerksam zu bleiben.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."