Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Zufall, der keiner war

Karteikarte Nr. 050 — Datum: Herbst. Kürzel: J.K., 29 J. Stichwort: Wirbelsäulenoperation, während des Gesprächs Entdeckung einer unerwarteten Verbindung zu einem früheren Fall aus diesem Archiv. Notiz am Rand: “Manchmal ist die Welt kleiner, als man es sich je hätte vorstellen können.”

Der Fall

J.K. war neunundzwanzig, kam mit einem Bandscheibenvorfall zu mir, ein medizinisch unauffälliger, gut behandelbarer Fall. Im Rahmen unseres ersten Gesprächs, in dem ich, wie üblich, auch nach seinem Beruf fragte, erzählte er mir, dass er als Rettungssanitäter arbeite, und erwähnte, eher beiläufig, dass einer seiner eindrücklichsten Einsätze eine Höhlenrettung gewesen sei, bei der eine Höhlenforscherin nach einem Sturz über vierzehn Stunden geborgen werden musste.

Die Wendung

Ich hielt, bei dieser Erwähnung, unwillkürlich inne, denn ich erkannte sofort die Parallele zu jenem Fall, den ich bereits in einem früheren Kapitel dieses Bandes beschrieben hatte, der Höhlenforscherin B.O., deren dramatische, vierzehnstündige Bergung mich seinerzeit tief beeindruckt hatte. Als ich J.K. behutsam nach weiteren Details fragte, bestätigte sich meine Vermutung: Er war tatsächlich einer der Rettungssanitäter gewesen, die an jener denkwürdigen Bergung beteiligt waren, ein Zufall, der uns beide, als er sich herausstellte, für einen langen Moment sprachlos zurückließ.

Die Rettung

Ich operierte J.K.s Bandscheibenvorfall wenige Tage später, eine unkomplizierte, technisch unauffällige Operation, die ohne Komplikationen verlief. Während seiner Genesung tauschten wir uns ausführlich über jene gemeinsame, wenn auch aus vollkommen unterschiedlichen Rollen erlebte Erfahrung aus, ich als der Arzt, der B.O. nach ihrer Rettung operiert hatte, er als einer der Retter, die sie überhaupt erst aus jenem tiefen Höhlenschacht geborgen hatten.

Der Weg zurück

J.K. erholte sich gut von seiner Operation, und wir vereinbarten, mit B.O.s ausdrücklicher Zustimmung, die ich in der Zwischenzeit kontaktierte, ein gemeinsames Treffen aller drei Beteiligten, ein außergewöhnliches Wiedersehen, bei dem sich B.O. bei J.K. persönlich für seinen Einsatz bedanken konnte, eine Begegnung, die alle drei von uns tief bewegte.

Die Nachwirkung

Dieser überraschende Zufall hat mir einmal mehr vor Augen geführt, wie eng die vielen Fäden meines beruflichen Lebens tatsächlich miteinander verwoben sind, und wie klein, bei aller scheinbaren Weitläufigkeit, die Gemeinschaft der Menschen sein kann, die in unserer Region in Momenten der Not füreinander da sind. Ich habe, seit dieser Begegnung, öfter darüber nachgedacht, wie viele weitere, mir selbst unbekannte Verbindungen zwischen den zahlreichen Karten meines Archivs wohl bestehen mögen, unsichtbare Fäden zwischen Patienten, Rettern und Helfern, die sich, ohne es zu wissen, in den unterschiedlichsten Rollen immer wieder begegnen, in einer Region, die zwar geografisch überschaubar, aber menschlich von einer bemerkenswerten Dichte gegenseitiger Verbindungen geprägt ist.

Das gemeinsame Treffen der drei von uns, dass wir schließlich bei mir zu Hause am See veranstalteten, gehört zu den bewegendsten Abenden, die ich in den vergangenen Jahren erlebt habe. B.O. brachte, zu unserem gemeinsamen Wiedersehen, dasselbe kleine Stück Kalkstein mit, das sie mir seinerzeit nach ihrer Operation geschenkt hatte, um es J.K. zu zeigen, der es, wie er mir später gestand, mit einer Mischung aus Stolz und stiller Rührung betrachtete, ein greifbares Zeichen jener gemeinsam durchlebten, dramatischen Nacht, die ihn selbst all die Jahre über ebenso geprägt hatte wie B.O. selbst.

Ich habe, an jenem Abend, mit einer besonderen, tiefen Dankbarkeit erkannt, welches Privileg es ist, durch meinen doppelten Beruf als Arzt und Chronist so vieler unterschiedlicher Schicksale, gelegentlich Zeuge solcher unerwarteten, versöhnlichen Verbindungen werden zu dürfen, Verbindungen, die ohne dieses eine, zufällige Gespräch in meiner Sprechstunde vermutlich für immer im Verborgenen geblieben wären.

Ich lege J.K.s Karte, versehen mit einer Notiz zu jener bewegenden Verbindung, zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.

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