Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Der Zeuge, der nichts gesehen haben wollte

Karteikarte Nr. 035 — Datum: Nacht nach einem folgenschweren Vorfall in der Nachbarschaft. Kürzel: H.G., 61 J. Stichwort: Sturz von der eigenen Terrasse, während der Behandlung wachsende Vermutung, dass der Sturz mit einem Ereignis nebenan zusammenhing, das H.G. beobachtet, aber verschwiegen hatte. Notiz am Rand: “Manche Menschen verletzen sich selbst, um einer Wahrheit auszuweichen, die sie nicht aussprechen wollen.”

Der Fall

H.G. wurde, mitten in der Nacht, mit einem Wirbelbruch nach einem Sturz von seiner eigenen Terrasse in unsere Notaufnahme gebracht, ein Sturz, den er selbst zunächst als bloßen Unfall beim nächtlichen Gang zum Briefkasten darstellte. Diese Erklärung erschien mir, angesichts der Höhe und des Winkels seiner Verletzung, von Beginn an nicht vollständig plausibel, ein Zweifel, den ich zunächst für mich behielt, in der Annahme, es gebe eine simplere Erklärung, die mir lediglich noch nicht bekannt war.

Die Wendung

Erst als die Polizei, im Zusammenhang mit einem schweren Vorfall im Nachbarhaus, der sich in derselben Nacht ereignet hatte, bei uns nach möglichen Zeugen fragte, begann sich ein möglicher Zusammenhang abzuzeichnen, den ich zunächst selbst kaum für möglich gehalten hätte. H.G. reagierte, als ich ihn, sehr behutsam, auf diesen möglichen Zusammenhang ansprach, mit einer sichtlichen, kaum zu verbergenden Anspannung, die mir zeigte, dass an meiner Vermutung tatsächlich etwas dran sein musste, auch wenn er selbst zunächst jede weitere Auskunft verweigerte.

Die Rettung

Ich machte H.G., als sein Zustand es zuließ, deutlich, dass ich als sein behandelnder Arzt keinerlei Interesse an den Umständen seines Sturzes über meine medizinische Zuständigkeit hinaus hatte, ihm aber, sollte ihn etwas belasten, gerne den Kontakt zu einer psychologischen Betreuung vermitteln würde, unabhängig davon, ob und was er der Polizei mitzuteilen bereit war. Diese bewusst neutrale, nicht drängende Haltung schien ihm, in den folgenden Tagen seiner Genesung, tatsächlich zu helfen, sich schrittweise zu öffnen.

Der Weg zurück

H.G. vertraute sich schließlich, kurz vor seiner Entlassung, unserer Sozialarbeiterin an: Er hatte, in jener Nacht, tatsächlich etwas im Nachbarhaus beobachtet, das ihn zutiefst erschreckt hatte, und war, in seiner panischen Reaktion darauf, auf seiner eigenen Terrasse gestürzt, ein Zusammenhang, den er aus Angst vor möglichen Konsequenzen zunächst verschwiegen hatte. Mit Unterstützung unserer Sozialarbeiterin entschied er sich schließlich, seine Beobachtungen der Polizei mitzuteilen, ein Schritt, der, wie er mir später berichtete, zur Aufklärung des ursprünglichen Vorfalls maßgeblich beitrug.

Die Nachwirkung

H.G.s Fall hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie sehr Angst und Verdrängung körperliche Unfälle mit verursachen können, und wie wichtig es ist, als Arzt eine unaufdringliche, aber verlässliche Vertrauensbasis zu schaffen, in der sich ein Patient, wenn er selbst dazu bereit ist, öffnen kann, ohne Druck zu verspüren. Ich habe, seit diesem Fall, mit noch größerer Geduld auf jene Patienten reagiert, deren Unfallschilderung mir zunächst nicht vollständig stimmig erscheint, in dem Bewusstsein, dass eine vorschnelle, direkte Konfrontation oft eher zu weiterem Rückzug als zu echter Offenheit führt, während ein geduldiges, nicht wertendes Angebot der Unterstützung, wie bei H.G., mit der Zeit tatsächlich Früchte tragen kann.

Ich habe H.G. bei seinem letzten Kontrolltermin gefragt, was ihn letztlich dazu bewogen habe, sich unserer Sozialarbeiterin anzuvertrauen, und er antwortete mir, nach kurzem Nachdenken, dass es weniger ein einzelner Moment gewesen sei als vielmehr das kontinuierliche, geduldige Gefühl, dass ihn niemand in unserer Klinik zu etwas drängen wollte, dass er selbst noch nicht bereit war zu sagen. Diese Rückmeldung hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass Geduld, gerade in emotional komplexen Situationen wie dieser, oft die wirksamste medizinische wie menschliche Intervention überhaupt darstellt.

Ich lege H.G.s Karte, ohne weitere Details zu jenem Nachbarschaftsvorfall, zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."