Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Windsurfer
Karteikarte Nr. 117 — Datum: stürmischer Herbsttag auf dem Wörthersee. Kürzel: L.M., 29 J. Stichwort: Sturz vom Surfbrett bei starkem Wind, Kopfsprung ins flache Uferwasser, Halswirbelverletzung. Notiz: ein kleines Stück Segeltuch aus dem beschädigten Surfsegel.
Der Fall
L.M. war neunundzwanzig Jahre alt, ein erfahrener und sportlich ambitionierter Windsurfer, der die besonders starken Herbstwinde auf dem Wörthersee für eine seiner letzten Ausfahrten der Saison nutzte, als eine plötzliche Böe sein Segel erfasste und ihn kopfüber von seinem Brett ins knietiefe Uferwasser schleuderte. Er schlug mit dem Kopf auf dem sandigen Grund auf, ähnlich wie in einem anderen Fall, den ich bereits erzählt habe, doch diesmal unter zusätzlich erschwerten Bedingungen: starkem Wellengang und einer Wassertemperatur, die eine rasche Unterkühlung begünstigte. Ein Mitsurfer, der den Sturz aus einiger Entfernung beobachtet hatte, erreichte ihn innerhalb weniger angespannter Minuten und stellte mit Schrecken fest, dass L.M. zwar bei vollem Bewusstsein, aber vollständig unfähig war, seine Beine zu bewegen.
Die Wendung
Der Mitsurfer, selbst kein Mediziner, aber mit gesundem Menschenverstand ausgestattet, vermied es, L.M. aus dem Wasser zu ziehen, sondern hielt lediglich seinen Kopf über der Wasseroberfläche, während er lautstark um Hilfe rief, eine intuitiv richtige Entscheidung, die eine mögliche Verschlimmerung einer Wirbelsäulenverletzung durch unbedachtes Ziehen verhinderte. Als die alarmierte Wasserrettung schließlich eintraf, übernahm sie die fachgerechte Rettung aus dem Wasser mit einer speziellen Halskrause und einer Wirbelsäulenschiene, bevor L.M. mit dem Rettungswagen zu uns in die Klinik gebracht wurde, bereits deutlich unterkühlt und zitternd, aber neurologisch, zu unserer vorsichtigen Erleichterung, mit erhaltener, wenn auch eingeschränkter Sensibilität in beiden Beinen.
Die Rettung
Die Bildgebung zeigte einen Bruch eines Halswirbels mit einer beginnenden, aber noch nicht vollständigen Kompression des Rückenmarks. Wir mussten zunächst seine deutliche Unterkühlung sorgfältig behandeln, bevor eine Operation überhaupt sicher durchführbar war, eine zusätzliche Komplikation, die die übliche zeitliche Dringlichkeit einer solchen Wirbelsäulenoperation mit der ebenso dringlichen Notwendigkeit einer vorsichtigen Wiedererwärmung in Einklang bringen musste. Sobald seine Körpertemperatur endlich einen sicheren Bereich erreicht hatte, operierten wir ihn ohne weitere Verzögerung, eine Stabilisierung des betroffenen Halswirbels, die ohne weitere Komplikationen verlief.
Der Weg zurück
L.M. erholte sich gut und zunehmend rascher, seine anfängliche Sensibilitätsstörung bildete sich über die folgenden Wochen fast vollständig zurück. Er kehrte, im folgenden Sommer, tatsächlich und mit sichtlicher Vorfreude zum Windsurfen zurück, allerdings, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin versicherte, „nur noch bei mäßigem Wind und mit deutlich mehr Respekt vor flachem Uferwasser.” Er schenkte mir ein kleines Stück des beschädigten Segeltuchs seines damaligen Segels, das bei dem heftigen Sturz zerrissen war, als bleibende Erinnerung an seinen, wie er es selbst nannte, „teuersten Sturz aller Zeiten.”
Die Nachwirkung
L.M.s Fall hat mir, ähnlich wie einige andere Wassersportunfälle, die ich bereits beschrieben habe, erneut vor Augen geführt, wie wichtig das richtige, besonnene Verhalten von Ersthelfern in den ersten kritischen Minuten nach einer möglichen Wirbelsäulenverletzung im Wasser ist, und wie sehr die zusätzliche Komplikation einer Unterkühlung die eigentliche medizinische Behandlung zusätzlich erschweren kann. Ich unterstütze seither aktiv die Aufklärungsarbeit unserer örtlichen Wasserrettung zu genau diesem Thema, in der Überzeugung, dass jeder Wassersportler von diesem Wissen profitieren kann. Der Mitsurfer, der L.M.s Kopf damals so besonnen über Wasser hielt, hat inzwischen selbst einen Wasserrettungskurs absolviert, eine Entscheidung, die er, wie er mir bei einer zufälligen späteren Begegnung erzählte, direkt auf jenen Tag zurückführt, an dem er zum ersten Mal in seinem Leben tatsächlich einen Menschen retten musste.
Ich lege das kleine Stück Segeltuch zu meinen anderen Erinnerungsstücken und ziehe, während draußen der Herbstwind kräftig um das Haus pfeift, ganz ähnlich wie in jener stürmischen Geschichte, die nächste Karte aus dem allmählich schmaler werdenden Kasten.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."