Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Tumor, der keiner war
Karteikarte Nr. 008 — Datum: Frühjahr. Kürzel: F.W., 58 J. Stichwort: vermeintlicher Tumor im Rückenmarkskanal, bei der Operation überraschende Entdeckung eines Fremdkörpers aus einer Jahrzehnte zurückliegenden, andernorts durchgeführten Operation. Notiz am Rand: “Manchmal liegt der wahre Fund tiefer verborgen als die Diagnose.”
Der Fall
F.W. war achtundfünfzig Jahre alt, kam mit zunehmenden Rückenschmerzen und einer beginnenden Schwäche in einem Bein zu mir, Symptome, die, gemeinsam mit einem auffälligen Befund in der Bildgebung, zunächst auf einen Tumor im Bereich des Rückenmarkskanals hindeuteten. Ich bereitete, gemeinsam mit unserem onkologischen Team, eine Operation vor, bei der wir uns auf die Entfernung eines mutmaßlich bösartigen Gewebes einstellten, eine Situation, die F.W. und seine Familie verständlicherweise in großer Sorge versetzte.
Die Wendung
Als ich, während der Operation, den vermeintlichen Tumor freilegte, offenbarte sich eine vollkommen unerwartete Realität: Es handelte sich nicht um bösartiges Gewebe, sondern um ein kleines, chirurgisches Instrument, vermutlich ein abgebrochenes Stück eines OP-Werkzeugs, das, wie sich später anhand alter Unterlagen rekonstruieren ließ, bei einer Rückenoperation vor über zwanzig Jahren, in einer anderen Klinik, versehentlich im Gewebe zurückgelassen worden war und über die Jahrzehnte eine chronische, langsam wachsende Gewebereaktion ausgelöst hatte, die schließlich das Bild eines Tumors imitierte.
Die Rettung
Ich entfernte den Fremdkörper sehr vorsichtig, zusammen mit dem umliegenden, veränderten Gewebe, eine Operation, die technisch deutlich anspruchsvoller war, als wenn es sich tatsächlich um einen Tumor gehandelt hätte, weil die über zwei Jahrzehnte gewachsene Vernarbung die normalen anatomischen Strukturen erheblich verändert hatte. Ich musste F.W., unmittelbar nach der Operation, eine Nachricht überbringen, die ihn sichtlich zwischen tiefer Erleichterung und starker Verstörung schwanken ließ: Er hatte keinen Krebs, aber er hatte zwanzig lange Jahre mit den unbemerkten Folgen eines fremden, ärztlichen Fehlers gelebt.
Der Weg zurück
F.W.s Beinschwäche bildete sich, nach der Entfernung des Fremdkörpers, in den folgenden Monaten deutlich und weitgehend zurück, ein körperliches Ergebnis, das ihn zutiefst erleichterte. Die Frage, wie und wo genau dieser Fehler vor zwei Jahrzehnten geschehen war, beschäftigte ihn jedoch weit über seine eigentliche Genesung hinaus, und er entschied sich schließlich, mit rechtlicher Unterstützung, die damaligen Umstände seiner ursprünglichen Operation aufzuarbeiten, ein Prozess, der, wie ich später erfuhr, noch immer andauerte, als ich diese Zeilen schrieb.
Die Nachwirkung
F.W.s Fall gehört zu den außergewöhnlichsten diagnostischen Überraschungen meiner gesamten Laufbahn und hat mich daran erinnert, wie lange die Folgen eines einzelnen chirurgischen Fehlers unbemerkt in einem Menschen weiterwirken können, bevor sie, oft Jahrzehnte später und unter vollkommen anderen Umständen, endlich ans Licht kommen. Ich habe diesen Fall, anonymisiert, in einer internen Fortbildung zur Bedeutung sorgfältiger Instrumentenzählung, während jeder Operation vorgestellt, eine scheinbar simple Routinemaßnahme, deren Wichtigkeit F.W.s Geschichte auf eindrückliche Weise unterstreicht. Ich habe, seit diesem Fall, auch mit größerer Nachdrücklichkeit dafür geworben, dass jede Klinik, unabhängig von ihrer Größe, ein lückenloses, digitales Protokoll aller verwendeten Instrumente führt, eine Maßnahme, die einen Fall wie den von F.W. in Zukunft von vornherein verhindern könnte.
Was mich an diesem Fall besonders beschäftigte, war die Frage, wie viele ähnliche, unentdeckte Fremdkörper wohl noch, unbemerkt und unbeanstandet, in anderen Patienten schlummern, ohne je Symptome zu verursachen, die eine erneute Untersuchung nahelegen würden. F.W.s Geschichte, so unangenehm sie für alle Beteiligten war, hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass Transparenz gegenüber Patienten, auch und gerade bei den Fehlern unseres eigenen Berufsstandes, letztlich der einzige Weg ist, verlorenes Vertrauen zumindest teilweise wiederherzustellen.
Ich lege das kleine, entfernte Metallstück, das zwanzig lange Jahre unentdeckt in F.W.s Rücken lag, in ein verschlossenes Glasröhrchen, und ziehe, mit einem Anflug von Unbehagen über das, was ich soeben erzählt habe, die nächste Karte aus dem Kasten.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."