Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Trüffelsucher

Karteikarte Nr. 052 — Datum: früher Herbstmorgen, im dichten Unterholz eines Mischwaldes. Kürzel: G.O., 62 J., Trüffelsucher. Stichwort: Sturz über eine verborgene Wurzel bei der Suche nach einer seltenen Trüffelsorte, Wirbelsäulenverletzung fernab jedes befestigten Weges. Notiz: eine kleine, getrocknete Trüffel, die G.O. mir nach seiner Genesung als besonderen Dank überreichte.

Der Fall

G.O. war zweiundsechzig Jahre alt, seit Jahrzehnten leidenschaftlicher, in Fachkreisen bekannter Trüffelsucher, der gemeinsam mit seinem eigens dafür ausgebildeten Hund regelmäßig abgelegene Waldgebiete unserer Region nach seltenen, wertvollen Trüffelvorkommen durchstreifte, als er, im dichten, unwegsamen Unterholz, über eine im Laub verborgene Baumwurzel stürzte und sich dabei einen Wirbelbruch zuzog. Aufgrund der Abgelegenheit seines bevorzugten Suchgebiets, das er, wie er mir später erklärte, aus beruflichen Gründen ohnehin nie preisgeben würde, dauerte es mehrere lange Stunden, bis sein treuer Hund durch anhaltendes, ungewöhnlich lautes Bellen die Aufmerksamkeit eines vorbeikommenden Wanderers auf sich zog.

Die Wendung

Als G.O. schließlich in unserer Klinik eintraf, bestätigte die Bildgebung einen stabilen, aber dennoch behandlungsbedürftigen Wirbelbruch, und ich erfuhr, im Gespräch mit ihm, von der ungewöhnlichen, fast schon geheimniskrämerischen Kultur professioneller Trüffelsucher, die ihre besten Fundstellen, oft über Generationen weitergegeben, mit größter Diskretion hüten, selbst gegenüber engsten Vertrauten. G.O. selbst zeigte sich, trotz seiner erheblichen Schmerzen, zunächst vor allem besorgt um das Wohlergehen seines Hundes, der ihn all die Stunden treu bewacht hatte.

Die Rettung

Ich operierte G.O. innerhalb weniger Tage, ohne unnötige, vermeidbare Verzögerung, eine Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, die glücklicherweise vollständig ohne Komplikationen verlief. Während seiner Genesung erzählte er mir, mit wachsendem Vertrauen, von den Feinheiten seines ungewöhnlichen Berufs, den geduldig über Jahre trainierten Fähigkeiten seines Hundes, und der besonderen, fast meditativen Ruhe, die ihn bei der stundenlangen Suche im Wald begleitete, eine Erzählung, die mir eine faszinierende Einsicht in eine mir zuvor gänzlich unbekannte Welt gab.

Der Weg zurück

G.O. erholte sich gut und vollständig von seiner Operation, und nach sorgfältiger, geduldiger Rehabilitation kehrte er, gemeinsam mit seinem treuen Hund, zu seiner geliebten Trüffelsuche zurück, allerdings, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin versicherte, „nunmehr stets mit einem Mobiltelefon in der Tasche und der festen Regel, meine Frau über mein jeweiliges Suchgebiet zu informieren, so ungern ich das auch tue.” Er schenkte mir daraufhin eine seiner seltenen, besonders wertvollen Trüffelfunde als sichtliches Zeichen seiner Dankbarkeit.

Die Nachwirkung

G.O.s Fall hat mir eindrücklich gezeigt, wie viele stille, kaum bekannte Berufe und Leidenschaften es gibt, die abseits jeder öffentlichen Aufmerksamkeit ausgeübt werden, und wie wichtig gerade bei solchen abgelegenen Tätigkeiten grundlegende Sicherheitsvorkehrungen sind, selbst wenn sie der eigenen Diskretion zunächst zuwiderlaufen. Ich habe, seit diesem Fall, ein wachsendes Interesse an der eigentümlichen, fast schon romantischen Kultur der Trüffelsuche entwickelt, ein Handwerk, das eine seltene Kombination aus Naturverbundenheit, jahrelang trainierter Zusammenarbeit mit einem Tier und, wie G.O. mir mehrfach versicherte, einer gehörigen Portion Geduld erfordert, Eigenschaften, die ich, bei genauerem Nachdenken, durchaus mit meinem eigenen, früheren chirurgischen Handwerk vergleichbar finde.

Ich habe G.O. später gefragt, ob er, angesichts seines Unfalls, jemals ernsthaft erwogen habe, seine geheimen Suchgebiete doch mit einer Vertrauensperson zu teilen, allein aus Sicherheitsgründen, und er antwortete mir, mit einem verschmitzten Lächeln, dass er inzwischen tatsächlich begonnen habe, seiner Frau eine grobe, wenn auch bewusst unpräzise Umgebungsangabe zukommen zu lassen, ein Kompromiss zwischen seiner tief verwurzelten beruflichen Diskretion und der schmerzhaft erlernten Notwendigkeit größerer Sicherheit. Diese kleine, aber bedeutsame Verhaltensänderung hat mich, angesichts seiner sonst so bewahrten Geheimniskrämerei, mit einem gewissen Schmunzeln erfüllt.

Ich bewahre die kleine, getrocknete Trüffel als eines meiner ungewöhnlichsten Erinnerungsstücke auf und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten, gespannt auf die Geschichte, die sie diesmal für mich bereithält.

[]

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."