Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Tauchunfall
Karteikarte Nr. 130 — Datum: Sommer, während eines Tauchurlaubs in wärmeren Gewässern. Kürzel: R.B., 33 J. Stichwort: Dekompressionsunfall mit Rückenmarksbeteiligung nach zu schnellem Auftauchen, Notfallbehandlung in einer Druckkammer, anschließende neurochirurgische Nachsorge. Notiz: ein kleines Stück Korallenriff-Gestein, “von dort, wo alles begann”.
Der Fall
R.B. war dreiunddreißig Jahre alt, ein erfahrener und leidenschaftlicher Sporttaucher, der während eines Tauchurlaubs, durch eine plötzliche, unerwartete und starke Strömung überrascht, deutlich schneller als vorgesehen auftauchen musste. Innerhalb weniger Stunden entwickelte er eine zunehmende, beunruhigende Schwäche und ein anhaltendes Kribbeln in beiden Beinen, klassische, unverkennbare Anzeichen eines Dekompressionsunfalls mit Beteiligung des Rückenmarks, verursacht durch winzige Stickstoffbläschen, die sich beim zu schnellen, unkontrollierten Druckabfall im Gewebe rund um das Rückenmark bildeten. Er wurde vor Ort noch am selben Tag notfallmäßig in eine Überdruckkammer gebracht,
eine Standardbehandlung bei solchen ernsten Tauchunfällen, kehrte jedoch, nach der ersten Behandlung, mit anhaltenden, hartnäckigen neurologischen Restsymptomen in seine Heimat zurück, wo er schließlich, nach mehreren Zwischenstationen, zu mir überwiesen wurde.
Die Wendung
Die Bildgebung, die wir bei seiner Ankunft durchführten, zeigte, neben den durch den Dekompressionsunfall verursachten Veränderungen, eine zusätzliche, bereits zuvor bestehende, aber bis dahin unbemerkte Enge des Wirbelkanals, die sein Risiko für die neurologischen Komplikationen des Tauchunfalls deutlich erhöht hatte. Diese Kombination, ein akutes Ereignis auf dem Boden einer vorbestehenden, stillen anatomischen Enge, erklärte, warum seine Symptome trotz der bereits erfolgten Druckkammerbehandlung nicht vollständig abgeklungen waren, und legte eine zusätzliche operative Entlastung nahe, um die noch verbleibende Kompression des Rückenmarks zu beseitigen.
Die Rettung
Ich operierte R.B. wenige Tage nach seiner Ankunft, eine Dekompression des ohnehin bereits engen Wirbelkanals, kombiniert mit einer sorgfältigen Beurteilung der durch den Tauchunfall verursachten Veränderungen im umliegenden Gewebe. Die Operation verlief ohne Komplikationen, und ich besprach mit R.B. im Anschluss ausführlich, wie diese vorbestehende, ihm bis dahin unbekannte anatomische Enge sein Risiko für künftige tauchbedingte Komplikationen grundsätzlich erhöhte, eine wichtige, entscheidende Information für seine spätere Entscheidung, ob und in welcher Form er zu seinem geliebten Sport zurückkehren wollte.
Der Weg zurück
R.B.s verbliebene neurologische Symptome besserten sich, in den Wochen nach der Operation, deutlich und kontinuierlich, wenn auch nicht vollständig, mit einer leichten, bleibenden, aber gut tolerierbaren Empfindlichkeit in einem Fuß. Nach eingehender, sorgfältiger Beratung mit einem erfahrenen Tauchmediziner entschied er sich, seinen geliebten Sport nicht vollständig aufzugeben, aber deutlich konservativer zu betreiben, mit strikteren Auftauchprotokollen und einem bewussten, disziplinierten Verzicht auf besonders risikoreiche Tieftauchgänge. Er schickte mir, von seinem nächsten, deutlich vorsichtigeren und bewusst konservativer geplanten Tauchurlaub, ein kleines Stück Korallenriff-Gestein, das er, wie er mir handschriftlich schrieb, „von genau der Stelle, an der alles begann” mitgebracht hatte.
Die Nachwirkung
R.B.s Fall hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, bei akuten Unfällen stets auch nach möglichen vorbestehenden, stillen anatomischen Besonderheiten zu suchen, die das individuelle Risiko eines Menschen für bestimmte Komplikationen erhöhen können, ohne dass er selbst zuvor je etwas davon geahnt hätte. Ich habe seither mehrere Taucher mit vergleichbaren Vorgeschichten beraten und ihnen empfohlen, sich vor besonders anspruchsvollen Tauchgängen einmalig auf eine solche vorbestehende Enge des Wirbelkanals untersuchen zu lassen.
Diese Empfehlung ist, wie ich weiß, unter Tauchmedizinern noch nicht überall als gängige, selbstverständliche Praxis etabliert, und ich habe R.B.s ungewöhnlichen Fall inzwischen auch auf einem kleinen, gut besuchten Fachkongress zur Tauchmedizin ausführlich vorgestellt, in der Hoffnung, dass eine solche einmalige, vollkommen unkomplizierte Voruntersuchung künftig zum festen Standard bei ambitionierten Sporttauchern werden könnte, ähnlich wie es bei anderen risikoreichen Sportarten mit vergleichbarem gesundheitlichem Gefährdungspotenzial längst selbstverständlich üblich ist.
Ich betrachte das kleine Stück Korallengestein, bevor ich es sorgfältig zu meinen anderen, von weit her stammenden Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.
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