Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre

Der Stuntman

Karteikarte Nr. 140 — Datum: während der Dreharbeiten zu einer internationalen Filmproduktion. Kürzel: D.L., 39 J., Stuntman. Stichwort: Sturz bei einer choreografierten Kampfszene, Wirbelsäulenverletzung trotz professioneller Sicherheitsvorkehrungen. Notiz: ein signiertes Foto des gesamten Stuntteams, als Dank überreicht.

Der Fall

D.L. war neununddreißig Jahre alt, ein international erfahrener und hoch angesehener Stuntman, der bei den Dreharbeiten einer Filmproduktion in unserer Region an einer choreografierten, mehrfach geprobten Kampfszene beteiligt war, als eine winzige, im Vorfeld nicht erkannte Unebenheit im Untergrund dazu führte, dass er bei einem eigentlich routinemäßigen, gesicherten Sturz ungünstig aufkam und sich eine Wirbelsäulenverletzung zuzog. Die gesamte Szene war, wie er mir später erklärte, „hundertfach geprobt, mit allen erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen”, ein Umstand, der die Verletzung für ihn und sein gesamtes Team umso unerwarteter und schwerer zu verarbeiten machte.

Die Wendung

Die Bildgebung zeigte einen Wirbelbruch, der eine operative Stabilisierung erforderlich machte. D.L.s erste, noch unter starken Schmerzen gestellte Sorge betraf, ähnlich wie bei anderen Patienten mit körperlich extrem fordernden Berufen, deren Geschichten ich bereits erzählt habe, weniger die allgemeine Genesung als die Frage, ob er je wieder in seinem hochspezialisierten, auf jahrelanger Erfahrung beruhenden Beruf würde arbeiten können, einem Beruf, der von ihm ein außergewöhnliches Maß an körperlicher Präzision, Kraft und Risikobereitschaft verlangte.

Die Rettung

Die Operation, eine sorgfältige Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, verlief ohne jede Komplikation. Ich besprach mit D.L. ausführlich, welche spezifischen körperlichen Anforderungen sein Beruf tatsächlich verlangte, die verschiedenen Arten von Stürzen, Schlägen und akrobatischen, präzise choreografierten Bewegungen, die ein professioneller Stuntman perfekt beherrschen muss, ein Gespräch, das mir eine faszinierende, mir bis dahin gänzlich unbekannte, tiefe Einsicht in eine hochprofessionelle, aber öffentlich nur wenig beachtete Branche gab.

Der Weg zurück

D.L. durchlief eine besonders intensive, langwierige und individuell auf seine beruflichen Anforderungen zugeschnittene Rehabilitation, die weit über das hinausging, was ein gewöhnlicher Patient normalerweise benötigt hätte, unterstützt von einem eigens engagierten, hochspezialisierten Fitnesstrainer, der auf die Rehabilitation von Stuntpersonal spezialisiert war. Nach fast anderthalb langen Jahren intensiver, konsequenter Arbeit kehrte er, mit ärztlicher Zustimmung und unter zunächst reduzierten Anforderungen, zu seinem Beruf zurück, wählte jedoch, aus wohlüberlegter Vorsicht, bewusst deutlich weniger risikoreiche Szenen als zuvor. Sein gesamtes Filmteam schickte mir, zum feierlichen Abschluss der Dreharbeiten jener Produktion, ein signiertes Erinnerungsfoto als herzlichen Dank für seine Behandlung.

Die Nachwirkung

D.L.s Fall hat mir noch einmal eindrücklich gezeigt, wie hoch die körperlichen Anforderungen mancher, öffentlich oft unterschätzter Berufe tatsächlich sind, und wie wichtig eine individuell angepasste, auf die konkreten beruflichen Bewegungsabläufe zugeschnittene Rehabilitation für die tatsächliche berufliche Wiedereingliederung eines Patienten sein kann. Ich habe seither ein deutlich größeres Bewusstsein dafür entwickelt, wie unterschiedlich „vollständige Genesung” je nach beruflichem Kontext eines Patienten tatsächlich definiert werden muss. Ich habe, seit diesem Fall, auch begonnen, bei ähnlich körperlich fordernden Berufen gezielter nach spezialisierten Fitnesstrainern oder Bewegungsexperten aus dem jeweiligen Berufsfeld zu suchen, die unsere klassische Physiotherapie sinnvoll ergänzen können, ein Vorgehen, das sich bei D.L. als außerordentlich wertvoll erwies und das ich seither mehrfach wiederholt habe.

Besonders eindrücklich blieb mir D.L.s eigene, nüchterne Einschätzung seines Berufsrisikos in Erinnerung. „Wir kalkulieren jedes Risiko so genau wie möglich”, erklärte er mir, „aber am Ende bleibt immer ein Rest, den man nicht wegplanen kann, egal wie viele Male man eine Szene probt.”

Diese Aussage hat mich seither auch in meinem eigenen Fach begleitet, als Erinnerung daran, dass selbst die sorgfältigste Vorbereitung ein gewisses Restrisiko niemals vollständig ausschließen kann, eine Demut, die ich als Chirurg gut nachvollziehen kann.

Ich betrachte das signierte Foto des Stuntteams, das an meiner Wand hängt, bevor ich mich, mit einem letzten Blick darauf, der nächsten Karte aus dem Kasten zuwende.

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