Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Stollen
Karteikarte Nr. 038 — Datum: während einer Führung durch ein historisches Besucherbergwerk. Kürzel: mehrere Verletzte, Teileinsturz eines alten Stollens. Stichwort: eine Gruppe von Touristen wird bei einem unerwarteten Teileinsturz eines historischen Stollens eingeschlossen, komplexe Rettung unter Tage. Notiz: ein Stück Gestein aus dem eingestürzten Stollen, dass die Bergrettung mir überreichte.
Der Fall
Während einer geführten, eigentlich ganz gewöhnlichen Besichtigung eines historischen, für Touristen zugänglichen Bergwerksstollens kam es, ohne erkennbare Vorwarnung, zu einem Teileinsturz eines älteren, weniger gut gesicherten Abschnitts, der eine Gruppe von zwölf ahnungslosen Besuchern und ihren Führer von dem regulären Ausgang abschnitt. Mehrere Personen wurden von herabfallendem, teils faustgroßem Gestein getroffen, darunter zwei mit ernstem Verdacht auf eine Wirbelsäulenbeteiligung, eine Situation, die eine komplexe, unter Tage durchzuführende, technisch höchst anspruchsvolle Rettung erforderlich machte.
Die Wendung
Die alarmierte Bergrettung und die Grubenwehr mussten, angesichts der instabilen Deckenstruktur des betroffenen Stollenabschnitts, mit äußerster Vorsicht vorgehen, um nicht durch unbedachte Bewegungen einen weiteren, möglicherweise noch folgenschwereren Einsturz auszulösen. Ich stand, in ständigem, angespanntem Funkkontakt mit dem vor Ort tätigen Notarzt, vor der besonderen, ungewohnten Herausforderung, die medizinische Dringlichkeit der beiden Verletzten mit Wirbelsäulenbeteiligung präzise einzuschätzen, ohne selbst vor Ort zu sein, eine Fernberatung, die mich an ähnliche, in diesem Band bereits beschriebene Situationen erinnerte.
Die Rettung
Nach mehreren langen, angespannten Stunden gelang es dem erfahrenen Rettungsteam, einen alternativen, deutlich sichereren Zugang zu dem eingeschlossenen Stollenabschnitt zu erschließen und die Verletzten, mit größter Vorsicht, zu bergen. Beide Patienten mit Verdacht auf Wirbelsäulenbeteiligung wurden umgehend in unsere Klinik gebracht, wo sich der Verdacht bei einem der beiden bestätigte, eine Stabilisierung, die ich noch in derselben Nacht sorgfältig durchführte und die ohne weitere Komplikationen verlief.
Der Weg zurück
Beide Patienten erholten sich gut und vollständig von ihren jeweiligen Verletzungen, und die touristische Betreiberfirma des Besucherbergwerks überarbeitete, nach eingehender, sorgfältiger geologischer Untersuchung, ihr gesamtes Sicherheitskonzept für ältere, weniger gut erschlossene Stollenabschnitte, mit dem Ergebnis, dass mehrere vergleichbare, potenziell gefährdete Bereiche künftig dauerhaft für Besucherführungen gesperrt bleiben. Die gesamte Reisegruppe schickte mir, einige Wochen später, eine gemeinsam unterschriebene, sehr herzliche Dankeskarte für die gesamte Rettungs- und Behandlungskette.
Die Nachwirkung
Dieser Vorfall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie besonders herausfordernd medizinische Rettungseinsätze unter Tage sind, mit ihrer eigenen, zusätzlichen Dimension der strukturellen Instabilität, die bei oberirdischen Rettungen in dieser Form nicht besteht. Ich habe seither ein größeres Bewusstsein für die besonderen Herausforderungen der Grubenrettung entwickelt und mehrere Fachaustausche mit entsprechend spezialisierten Teams geführt, bei denen ich viel über die besonderen Kommunikationsprotokolle und Sicherheitsmaßnahmen lernte, die eine Rettung unter Tage von jeder anderen Form der Bergung grundlegend unterscheiden, von der ständigen Überwachung der Luftqualität bis zur besonderen Sorgfalt bei jeder einzelnen Bewegung in einem bereits geschwächten Stollensystem.
Ich habe mich, im Nachgang dieses Vorfalls, auch intensiver mit der Geschichte des Bergbaus in unserer Region beschäftigt, ein Thema, das mich zuvor nie besonders interessiert hatte, dass mir aber, seit diesem Fall, eine neue, respektvolle Perspektive auf jene Generationen von Bergleuten vermittelt hat, die über Jahrhunderte hinweg unter denselben, potenziell gefährlichen Bedingungen gearbeitet hatten, denen jene Touristengruppe an jenem Tag nur für wenige angespannte Stunden ausgesetzt war. Der Leiter der Bergrettung, mit dem ich seither in losem fachlichem Austausch geblieben bin, erzählte mir, dass solche Teileinstürze in alten, historischen Stollen zwar selten, aber keineswegs vollständig ausschließbar seien, eine Erkenntnis, die zu den verschärften Sicherheitsmaßnahmen beitrug, die seither in vergleichbaren Besucherbergwerken unserer Region gelten.
Ich betrachte das Stück Gestein aus jenem eingestürzten Stollen, bevor ich es sorgfältig zu meinen ungewöhnlichsten Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe, gespannt auf die Geschichte, die sie diesmal für mich bereithält.
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