Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Stier
Karteikarte Nr. 142 — Datum: Spätsommer, auf einer Alm oberhalb des Tals. Kürzel: R.G., 45 J., Almbauer. Stichwort: Angriff eines Zuchtstiers, Sturz gegen einen Weidezaun, kombinierte Verletzung aus Prellungen und Wirbelsäulenbeteiligung. Notiz: ein kleines Stück Zaundraht, “vom Zaun, der mich am Ende doch aufgehalten hat”.
Der Fall
R.G. war fünfundvierzig Jahre alt, Almbauer in bereits dritter Generation, als sein sonst als umgänglich bekannter Zuchtstier, aus einem für R.G. bis heute nicht vollständig nachvollziehbaren Grund, unvermittelt aggressiv wurde und ihn mit einem heftigen Stoß gegen einen nahegelegenen Weidezaun schleuderte. R.G. blieb, unmittelbar nach dem Zusammenstoß, kurzzeitig bewusstlos liegen, bevor ihn seine Frau, die den erschreckenden Vorfall aus einiger Entfernung beobachtet hatte, mit lautem Rufen aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu locken versuchte, während sie gleichzeitig den Rettungsdienst alarmierte.
Die Wendung
Als R.G. schließlich in unserer Notaufnahme eintraf, zeigte er neben ausgedehnten Prellungen auch deutliche Anzeichen einer Wirbelsäulenbeteiligung, mit einer beginnenden Schwäche in einem Bein. Die Bildgebung bestätigte einen Wirbelbruch, der glücklicherweise keine vollständige Instabilität zeigte, aber dennoch eine operative Stabilisierung nahelegte, um eine mögliche weitere Verschlechterung zu verhindern. R.G. selbst zeigte sich, trotz seiner Schmerzen, vor allem besorgt um das weitere Schicksal des Stiers, eines Tieres, das er seit dessen Geburt persönlich aufgezogen hatte, eine Sorge, die mich, angesichts der Umstände seiner eigenen Verletzung, zunächst überraschte.
Die Rettung
Wir operierten R.G. innerhalb weniger Tage, eine sorgfältige Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne jegliche Komplikation verlief. Während seines stationären Aufenthalts erzählte er mir, mit wachsender Offenheit, von der jahrzehntelangen Beziehung, die ein erfahrener Almbauer zu seinen Tieren entwickelt, einer Beziehung, die weit über eine bloße wirtschaftliche Nutzung hinausgeht und die den unerwarteten Angriff für ihn emotional besonders schwer verarbeitbar machte.
Der Weg zurück
R.G.s Beinschwäche bildete sich über die folgenden Monate weitgehend und stetig zurück, und er kehrte, nach sorgfältig abgestufter, gewissenhafter Rehabilitation, zu seiner geliebten Alm zurück, wenn auch, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin offen erzählte, mit einer neuen, sorgfältig überdachten Vorsicht im täglichen Umgang mit seinem wertvollen Zuchtstier, den er, nach eingehender tierärztlicher Untersuchung, die keine erkennbare gesundheitliche Ursache für sein plötzliches, untypisches Verhalten ergab, weiterhin behielt. Er brachte mir, bei einem seiner Nachsorgetermine, ein kleines Stück des Zaundrahts mit, der, wie er es nachdenklich ausdrückte, „mich am Ende doch noch rechtzeitig aufgehalten hat, bevor Schlimmeres geschehen konnte.”
Die Nachwirkung
R.G.s Fall hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie eng manche Menschen, deren Beruf von der Arbeit mit Tieren geprägt ist, emotional mit diesen Tieren verbunden sind, selbst nach einem für sie potenziell lebensgefährlichen Vorfall, und wie wichtig es ist, diese komplexe emotionale Dimension bei der Behandlung ernst zu nehmen, statt sie vorschnell als bloße landwirtschaftliche Routineangelegenheit abzutun. Ich habe, seit diesem Fall, ein tieferes Verständnis dafür entwickelt, dass die Beziehung zwischen einem Landwirt und seinen Nutztieren oft eine Vielschichtigkeit besitzt, die einem Außenstehenden nicht sofort zugänglich ist, eine Vielschichtigkeit, die ich seither auch bei anderen Patienten aus der Landwirtschaft bewusster zu erfragen versuche.
Besonders eindrücklich blieb mir R.G.s Erklärung in Erinnerung, warum er den Stier trotz allem behielt: „Ein einziger schlechter Tag macht aus einem guten Tier kein schlechtes Tier, genauso wenig wie ein einziger schlechter Tag aus einem guten Menschen einen schlechten macht.” Diese schlichte, bäuerliche Weisheit hat mich seither mehrfach begleitet, auch außerhalb des unmittelbaren medizinischen Kontexts, als Erinnerung daran, wie vorschnell wir manchmal aus einem einzelnen Ereignis ein endgültiges Urteil ableiten, sowohl über Tiere als auch über Menschen.
Ich lege das kleine Stück Zaundraht zu meinen anderen, oft ungewöhnlichen Erinnerungsstücken und ziehe, mit einem nachdenklichen Blick auf den bereits stark geschrumpften Kasten, die nächste Karte.
Weiterlesen im Journal
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