Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Steinbruch
Karteikarte Nr. 144 — Datum: gewöhnlicher Arbeitstag, unerwarteter Gesteinsabbruch. Kürzel: P.K., 51 J., Steinbruch-Vorarbeiter. Stichwort: Verschüttung unter herabstürzendem Gestein, Rückenmarksverletzung durch das Gewicht der Steinmassen, mehrstündige Rettung. Notiz: ein kleines, poliertes Stück des Gesteins, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte.
Der Fall
P.K. war einundfünfzig Jahre alt, Vorarbeiter in einem großen Natursteinbruch, als sich während gewöhnlicher Abbrucharbeiten unerwartet eine größere Gesteinsformation löste und ihn teilweise unter sich begrub, bevor seine Kollegen, die den Abbruch aus sicherer Entfernung beobachtet hatten, sofort mit der Rettung begannen. P.K. blieb, während der folgenden, mehrstündigen Bergung, bei vollem Bewusstsein, unter dem Gewicht der ihn teilweise bedeckenden Steinmassen, eine Situation, die sowohl für ihn selbst als auch für die Rettungskräfte eine extreme psychische und physische Belastung darstellte.
Die Wendung
Die alarmierte Feuerwehr musste, um eine weitere Verschiebung der instabilen Gesteinsmassen zu verhindern, mit äußerster Vorsicht und unter Einsatz spezieller Hebetechnik vorgehen, während ich, in ständigem Funkkontakt mit dem Einsatzleiter vor Ort, die medizinische Situation aus der Ferne einzuschätzen versuchte. P.K.s eigene, bemerkenswerte Ruhe während der gesamten Rettung, wie mir die Einsatzkräfte später berichteten, erleichterte die technisch anspruchsvolle Bergung erheblich, da er in der Lage war, den Rettungskräften präzise Rückmeldung zu seinem Zustand zu geben.
Die Rettung
Als P.K. schließlich, nach über drei Stunden, vollständig befreit werden konnte, zeigte er deutliche Anzeichen einer Rückenmarksverletzung, verursacht durch das anhaltende Gewicht der Gesteinsmassen auf seiner Wirbelsäule. Ich operierte ihn umgehend und ohne jede weitere Verzögerung, eine Entlastung des komprimierten Rückenmarks mit gleichzeitiger Stabilisierung der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte, wobei ich mir während der gesamten Operation der besonderen Unsicherheit bewusst war, welche Auswirkungen die außergewöhnlich lange Kompressionsdauer auf sein späteres neurologisches Ergebnis haben würde.
Der Weg zurück
P.K.s Erholung verlief langsamer, als wir es uns alle gewünscht hätten, mit einer zunächst deutlichen, sich aber über die folgenden Monate kontinuierlich bessernden Schwäche in beiden Beinen. Nach einer intensiven, fast einjährigen und keineswegs geradlinig verlaufenden Rehabilitation konnte er wieder, zunächst mit Gehstützen, später weitgehend selbstständig gehen. Er kehrte, in einer angepassten, deutlich weniger körperlich fordernden Funktion, zu seinem Steinbruch zurück, der, wie er mir bei seinem letzten, sehr offenen Kontrolltermin erzählte, sein gesamtes Sicherheitskonzept nach diesem folgenschweren Vorfall grundlegend und umfassend überarbeitet hatte.
Die Nachwirkung
P.K.s Fall gehört zu jenen Geschichten in meinem Archiv, die mich eindrücklich daran erinnern, wie entscheidend die eigene, innere Ruhe eines Verletzten für den Erfolg einer komplizierten, zeitaufwendigen Rettung sein kann, und wie sehr diese Ruhe sowohl den Rettungskräften als auch, wie ich vermute, dem Verletzten selbst hilft, eine solche extreme Situation zu bewältigen. Ich habe seither mehrfach mit Rettungskräften über die psychologischen Aspekte langwieriger Bergungen gesprochen, ein Thema, das in der rein medizinischen Ausbildung oft zu kurz kommt. P.K. selbst erzählte mir, bei einem unserer späteren Gespräche, dass er sich während der gesamten Bergung bewusst auf seine Atmung konzentriert habe, eine einfache Technik, die er sich Jahre zuvor bei einem Erste-Hilfe-Kurs seines Betriebs angeeignet hatte und die ihm, wie er überzeugt war, half, seine Panik unter Kontrolle zu halten, während er unter den Gesteinsmassen auf seine Rettung wartete.
Ich denke oft daran, wie unterschiedlich Menschen unter extremer, lang anhaltender Belastung reagieren, und wie wenig sich diese Reaktion im Vorfeld vorhersagen lässt. P.K.s bemerkenswerte Fassung während jener drei quälenden Stunden hat mich seither dazu bewegt, bei Fortbildungen für unser Rettungsteam verstärkt auch auf die psychologische Komponente langwieriger Rettungseinsätze hinzuweisen, in der Überzeugung, dass ein ruhiger, gut informierter Verletzter die gesamte Rettungskette messbar erleichtern kann.
Ich betrachte das kleine, polierte Gesteinsstück, das P.K. mir schenkte, bevor ich es sorgfältig zu meinen anderen Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.
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