Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Der Sprung ins flache Wasser
Karteikarte Nr. 107 — Datum: heißer Hochsommernachmittag am Wörthersee. Kürzel: P.K., 17 J. Stichwort: Kopfsprung in überraschend flaches Wasser, Halswirbelbruch, Rettung durch geistesgegenwärtige Badegäste. Notiz: ein kleines Foto vom See, “der Ort, an dem ich beinahe alles verlor”.
Der Fall
P.K. war siebzehn Jahre alt, verbrachte einen der letzten warmen Tage des Sommers mit Freunden an einem beliebten Badeplatz am Wörthersee, als er von einem kleinen Steg aus einen Kopfsprung wagte, an einer Stelle, die er von früheren Besuchen als ausreichend tief in Erinnerung hatte. Ein ungewöhnlich trockener Sommer hatte jedoch den Wasserstand des Sees spürbar sinken lassen, sodass das Wasser an dieser Stelle deutlich flacher war, als er es erwartet hatte. Er schlug mit dem Kopf hart auf dem sandigen Grund auf und trieb, für die umstehenden Badegäste sofort erkennbar reglos, mit dem Gesicht nach unten im Wasser.
Die Wendung
Zwei junge Männer, die sich zufällig in unmittelbarer Nähe befanden und, wie sich später herausstellte, beide einen aktuellen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hatten, reagierten mit bemerkenswerter Geistesgegenwart: Sie zogen P.K. vorsichtig, unter größtmöglicher Schonung seiner Halswirbelsäule, aus dem Wasser, stabilisierten seinen Kopf manuell und vermieden dabei genau jene unbedachten Bewegungen, die bei einem Verdacht auf eine Wirbelsäulenverletzung eine bereits bestehende Schädigung dramatisch verschlimmern können. Als der Rettungshubschrauber eintraf, war P.K. zwar bei Bewusstsein, klagte aber über eine vollständige Gefühllosigkeit in allen vier Gliedmaßen, ein Zustand, der auf eine schwere Verletzung im Bereich der Halswirbelsäule hindeutete.
Die Rettung
Die Bildgebung bestätigte einen Bruch mehrerer Halswirbel mit einer beginnenden Kompression des Rückenmarks. Ich operierte P.K. noch am selben Abend, eine hochkomplexe Stabilisierung im Bereich der Halswirbelsäule, bei der jeder Millimeter über das Ausmaß seiner künftigen Beweglichkeit entscheiden konnte. Die umsichtige Erstversorgung durch die beiden jungen Männer am Ufer, die eine weitere Schädigung des bereits verletzten Rückenmarks durch unsachgemäße Bewegung verhindert hatte, erwies sich, wie ich später in unserem Team offen besprach als möglicherweise ebenso entscheidend für sein späteres Ergebnis wie die eigentliche Operation selbst.
Der Weg zurück
P.K.s Erholung verlief langsam, aber stetig ermutigend. Die anfängliche vollständige Gefühllosigkeit bildete sich über die folgenden Monate schrittweise zurück, bis er, nach einer intensiven, fast einjährigen Rehabilitation, wieder selbstständig gehen konnte, mit einer nur noch geringfügigen, sich weiter bessernden Einschränkung der Feinmotorik in einer Hand. Er kehrte, entgegen anfänglichen eigenen Befürchtungen, sogar zum Schwimmen zurück, allerdings, wie er mir mit einem nachdenklichen Lächeln erzählte, „nie wieder mit einem Kopfsprung, egal wie vertraut mir eine Stelle erscheint.”
Die Nachwirkung
P.K.s Geschichte hat mich darin bestärkt, wie wichtig flächendeckende Erste-Hilfe-Kenntnisse in der gesamten Bevölkerung sind, und wie sehr das rasche, korrekte Handeln von Laien am Unfallort über den weiteren Verlauf einer schweren Verletzung mitentscheiden kann, lange bevor ein Arzt überhaupt eingreift. Ich engagiere mich, seit diesem Fall, verstärkt in der Unterstützung lokaler Erste-Hilfe-Kurse an Badeseen unserer Region, in der Überzeugung, dass genau dieses Wissen, wie es die beiden jungen Männer am Ufer jenes Nachmittags zeigten, unmittelbar Leben und schwere, bleibende Behinderung voneinander trennen kann. Ich habe die beiden jungen Männer, die P.K. damals aus dem Wasser zogen, später persönlich kennengelernt und ihnen ausdrücklich gedankt, eine Begegnung, die auch sie selbst, wie sie mir erzählten, nachhaltig geprägt hat, weil ihnen erst durch mich in vollem Umfang bewusst wurde, wie entscheidend ihr besonnenes Handeln tatsächlich gewesen war.
Ich lege das kleine Foto des Sees, das P.K. mir schickte, zu den anderen Erinnerungsstücken, während draußen, vor meinem eigenen Fenster, derselbe See im letzten, goldenen Licht des Abends liegt, ruhig und friedlich, wie er es an den allermeisten Tagen ist, und ziehe die nächste Karte aus dem allmählich schmaler werdenden Kasten.
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