Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Sommelier

Karteikarte Nr. 113 — Datum: Herbst, kurz vor der Weinlese. Kürzel: T.B., 38 J., Sommelier. Stichwort: Nervenschädigung im Bereich der Halswirbelsäule mit Beeinträchtigung des Geruchssinns, existenzielle Bedrohung der beruflichen Existenz. Notiz: ein kleines Glasfläschchen mit einer Riechprobe, “der erste Duft, den ich nach der OP wieder klar erkannte”.

Der Fall

T.B. war achtunddreißig Jahre alt, ein national ausgezeichneter Sommelier mit einem außergewöhnlich fein geschulten Geruchs- und Geschmackssinn, als eine Verletzung im Bereich seiner Halswirbelsäule, verursacht durch einen Autounfall, zu einer Nervenschädigung führte, die neben motorischen Beeinträchtigungen auch sein Riechvermögen spürbar beeinträchtigte, eine seltene, aber bekannte Begleiterscheinung bestimmter Verletzungen in diesem Bereich. Für die meisten Patienten wäre eine solche Beeinträchtigung des Geruchssinns eine unangenehme, aber nachrangige Sorge neben den eigentlichen motorischen Ausfällen gewesen, ein bloßes Randproblem. Für T.B. bedeutete sie eine unmittelbare Bedrohung seiner gesamten beruflichen Existenz, die vollständig auf der Präzision seiner sensorischen Wahrnehmung beruhte.

Die Wendung

Ich musste mich, gemeinsam mit einem erfahrenen Kollegen aus der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, den ich eigens zur gemeinsamen Beurteilung hinzuzog, eingehend mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sich sein Riechvermögen durch eine operative Entlastung der betroffenen Nervenstrukturen tatsächlich wiederherstellen ließe, eine Prognose, die in diesem speziellen Bereich der Neurochirurgie deutlich unsicherer ist als bei rein motorischen Ausfällen. T.B. selbst beschrieb mir, mit einer Präzision, die selbst mich als medizinischen Fachmann beeindruckte, die genauen Nuancen dessen, was er inzwischen nicht mehr wahrnehmen konnte, bestimmte feine Aromen, während andere, gröbere Duftnoten noch erkennbar blieben, eine Differenzierung, die uns half, das genaue Ausmaß und die wahrscheinliche Ursache seiner Beeinträchtigung besser einzugrenzen.

Die Rettung

Wir operierten T.B. wenige Tage nach seiner Einlieferung, eine mikrochirurgische Entlastung der betroffenen Nervenstrukturen im Bereich der Halswirbelsäule, mit der ausdrücklichen, aber realistisch kommunizierten Hoffnung, dass sich sein Riechvermögen im Zuge der allgemeinen neurologischen Erholung zumindest teilweise zurückbilden würde. Die Operation selbst verlief ohne Komplikationen, doch die eigentliche Ungewissheit betraf, wie bei den meisten Nervenverletzungen, die folgenden Monate der Regeneration, in denen sich zeigen musste, in welchem Ausmaß sich seine hochspezialisierte sensorische Fähigkeit tatsächlich zurückbilden würde.

Der Weg zurück

T.B.s Riechvermögen kehrte, über die folgenden sechs Monate, schrittweise und in deutlich erkennbaren Etappen zurück, zunächst nur grobe, dann zunehmend feinere Duftnuancen, bis er, bei einem außerordentlich bewegenden Kontrolltermin einige Monate später, ein kleines Glasfläschchen mit einer Weinprobe mitbrachte und mir, mit Tränen in den Augen, freudig erzählte, dass er soeben, zum ersten Mal seit dem Unfall, eine bestimmte, für ihn besonders bedeutsame Aromanote endlich wieder eindeutig und zweifelsfrei hatte identifizieren können. Er kehrte, innerhalb eines Jahres, weitgehend vollständig zu seiner beruflichen Tätigkeit als Sommelier zurück, mit einer, wie er selbst sagte, „neu erworbenen, fast schon spirituellen Dankbarkeit für jeden einzelnen Duft, den ich wieder wahrnehmen darf.”

Die Nachwirkung

T.B.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie unterschiedlich Menschen den Verlust einer bestimmten Sinnesfunktion erleben können, je nachdem, welche zentrale Rolle diese Funktion in ihrem jeweiligen Leben und Beruf einnimmt, und wie wichtig es ist, diese individuelle Bedeutung bei der Behandlungsplanung und der Prognosevermittlung ernst zu nehmen, selbst wenn die betroffene Funktion, aus rein medizinischer Sicht, oft als nachrangig gilt. Ich habe seither, bei vergleichbaren Verletzungen im Bereich der Halswirbelsäule, das Riechvermögen als eigenen, gezielt zu prüfenden Punkt in unsere standardmäßige neurologische Untersuchung aufgenommen, eine kleine Ergänzung, die zuvor, ich gebe es offen zu, in unserem üblichen Untersuchungsablauf regelmäßig zu kurz kam.

Ich öffne, während ich diese Zeilen an meinem Schreibtisch schreibe, kurz das kleine Glasfläschchen, das T.B. mir schenkte, und atme, mit geschlossenen Augen, den darin enthaltenen Duft noch einmal bewusst ein, bevor ich es wieder sorgfältig verschließe und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.

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