Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Seiltänzer
Karteikarte Nr. 136 — Datum: Spätsommer, während eines Wanderzirkus-Gastspiels. Kürzel: N.B., 27 J., Hochseilartist. Stichwort: Gleichgewichtsstörung nach Nervenschädigung im Innenohrbereich in Kombination mit einer Wirbelsäulenverletzung, existenzielle Bedrohung der Balancefähigkeit. Notiz: ein kleines Stück des Drahtseils, auf dem N.B. arbeitet.
Der Fall
N.B. war siebenundzwanzig Jahre alt, seit seiner frühesten Kindheit in einer Artistenfamilie mit dem Hochseil aufgewachsen, als ein Sturz aus mittlerer Höhe, glücklicherweise ins Sicherheitsnetz, dennoch eine Kombination aus einer leichten Wirbelsäulenverletzung und, was sich erst bei genauerer Untersuchung zeigte, einer Schädigung der für das Gleichgewicht wichtigen Nervenstrukturen im Innenohrbereich verursachte. Für die meisten Menschen wäre eine solche Gleichgewichtsstörung eine unangenehme, aber im Alltag kompensierbare Beeinträchtigung gewesen. Für N.B., dessen gesamte berufliche Existenz auf einer außergewöhnlichen, hochpräzisen Balancefähigkeit beruhte, bedeutete sie eine existenzielle Bedrohung, wie er mir bei unserem ersten Gespräch mit unverhohlener Verzweiflung schilderte.
Die Wendung
Ich zog, angesichts der komplexen Kombination aus Wirbelsäulenverletzung und Gleichgewichtsstörung, umgehend einen Kollegen aus der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde hinzu, einen erfahrenen Spezialisten, der auf Gleichgewichtsstörungen spezialisiert war, und wir entwickelten gemeinsam einen Behandlungsplan, der sowohl die orthopädisch-neurochirurgische als auch die vestibuläre Komponente seiner Verletzung berücksichtigte. Die Bildgebung zeigte eine stabile, konservativ behandelbare Wirbelsäulenverletzung, während die genauere Untersuchung seines Gleichgewichtssinns eine deutliche, aber potenziell rückbildungsfähige Funktionsstörung bestätigte, die eine gezielte, spezialisierte Rehabilitation erforderte.
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Die Rettung
Wir behandelten N.B.s Wirbelsäulenverletzung konservativ, mit engmaschiger Überwachung, während mein HNO-Kollege ein intensives, spezialisiertes Gleichgewichtstraining einleitete, das speziell auf die außergewöhnlich hohen Anforderungen seines Berufs zugeschnitten war, weit über das hinausgehend, was ein gewöhnliches vestibuläres Rehabilitationsprogramm normalerweise umfasst. Diese Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Fachdisziplinen, orthopädisch-neurochirurgisch und vestibulär-audiologisch, verlangte eine enge, kontinuierliche Abstimmung, um sicherzustellen, dass die Übungen für sein Gleichgewichtstraining seine noch nicht vollständig verheilte Wirbelsäule nicht zusätzlich belasteten.
Der Weg zurück
N.B. durchlief ein langes, monatelanges und außergewöhnlich anspruchsvolles Rehabilitationsprogramm, das zunächst einfache Balanceübungen am Boden umfasste, bevor er sich, unter fachlicher Begleitung, schrittweise wieder an größere Höhen wagte. Er kehrte, nach fast einem ganzen Jahr intensiver Arbeit, tatsächlich zu seiner Kunst zurück, zunächst mit einem deutlich niedrigeren, zusätzlich gesicherten Seil, bevor er sich, viele Monate später, wieder an seine ursprüngliche, beeindruckende Höhe heranwagte. Er schickte mir, nach seinem ersten vollständigen Auftritt seit dem folgenschweren Unfall, ein kurzes Video, begleitet von den bewegenden Worten: „Das Gleichgewicht ist endlich zurück. Und mit ihm, so scheint mir, auch ein wichtiges Stück von mir selbst.”
Die Nachwirkung
N.B.s Fall hat mir eindrücklich gezeigt, wie eng bei manchen hochspezialisierten Berufen unterschiedliche Körpersysteme zusammenwirken müssen, und wie wichtig eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit ist, wenn eine Verletzung mehrere dieser Systeme gleichzeitig betrifft. Ich habe seither, bei ähnlich komplexen Fällen, deutlich frühzeitiger und bewusster den Kontakt zu Kollegen aus benachbarten Fachdisziplinen gesucht, statt mich ausschließlich auf mein eigenes Fachgebiet zu konzentrieren. Der HNO-Kollege, mit dem ich in diesem Fall so eng zusammenarbeitete, ist seither zu einem meiner wichtigsten Ansprechpartner bei komplexen, mehrere Körpersysteme betreffenden Verletzungen geworden, eine kollegiale Verbindung, die weit über N.B.s ursprünglichen Fall hinaus Bestand hatte und uns beiden, wie ich glaube, bei zahlreichen späteren Fällen zugutekam.
Besonders bewegt hat mich im Rückblick, wie N.B. selbst die lange Zeit der Ungewissheit beschrieb, in der weder er noch wir mit letzter Sicherheit vorhersagen konnten, ob sein Gleichgewichtssinn sich tatsächlich in dem für seinen Beruf notwendigen Ausmaß zurückbilden würde. „Ich habe gelernt, mit dem Nichtwissen zu leben, ohne die Hoffnung zu verlieren”, sagte er mir einmal, ein Satz, der mich seither begleitet, wenn ich selbst Patienten in ähnlich ungewissen Situationen betreue.
Ich betrachte das kleine Stück Drahtseil, das N.B. mir schenkte, bevor ich es sorgfältig zu meinen anderen Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.
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