Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Schnitzkurs

Karteikarte Nr. 141 — Datum: Winterabend. Kürzel: A.W., 81 J., und sein Enkel, 11 J. Stichwort: Nervenschädigung an der Hand, Bedrohung eines seit Generationen weitergegebenen Schnitzhandwerks, gemeinsame Motivation von Großvater und Enkel während der Reha. Notiz: eine kleine, gemeinsam geschnitzte Holzfigur, zur Hälfte von jedem der beiden gefertigt.

Der Fall

A.W. war einundachtzig, ein passionierter Holzschnitzer, der seit seiner eigenen Kindheit die traditionelle Schnitzkunst seiner Familie pflegte und seit einigen Jahren begonnen hatte, diese Fertigkeit an seinen elfjährigen Enkel weiterzugeben, als eine fortschreitende Nervenschädigung in seiner rechten Hand, verursacht durch eine Verengung im Bereich seiner Halswirbelsäule, sowohl seine eigene Schnitzfähigkeit als auch die gemeinsamen Kursstunden mit seinem Enkel zunehmend erschwerte. „Ich habe nicht mehr viele Jahre, um ihm alles beizubringen, was mein eigener Großvater mir beibrachte”, sagte er mir, mit einer Offenheit, die mich sofort für seinen Fall einnahm.

Die Wendung

Die Bildgebung zeigte eine deutliche Nervenkompression, die eine operative Entlastung nahelegte, wobei die besondere Herausforderung, ähnlich wie bei anderen Patienten mit hochspezifischen feinmotorischen Anforderungen, darin lag, die für das präzise Schnitzhandwerk entscheidenden Nervenbahnen bestmöglich zu schonen. A.W.s Enkel begleitete ihn, mit einer für sein Alter bemerkenswerten Ernsthaftigkeit, zu mehreren unserer Gespräche, stellte eigene, durchdachte Fragen zur Operation und zeigte mir, mit sichtlichem Stolz, eine seiner ersten eigenen, noch recht unbeholfenen Schnitzarbeiten.

Die Rettung

Die Operation, eine mikrochirurgische Entlastung des betroffenen Nervs, verlief ohne Komplikationen. Ich besprach mit A.W. im Anschluss einen sorgfältig gestuften Rehabilitationsplan, der schrittweise von einfachen Greifübungen bis hin zu den feinen, präzisen Bewegungen führte, die das Schnitzhandwerk erfordert, mit dem ausdrücklichen Ziel, ihm eine möglichst rasche Rückkehr zu den gemeinsamen Stunden mit seinem Enkel zu ermöglichen, die beiden, wie ich spürte, gleichermaßen wichtig waren.

Der Weg zurück

A.W. arbeitete mit bemerkenswerter Disziplin an seiner Genesung, motiviert, wie er selbst offen zugab, weniger von der eigenen Fingerfertigkeit als von dem Wunsch, seinem Enkel so viel wie möglich von seinem Wissen weitergeben zu können, bevor, wie er es nüchtern formulierte, „meine Zeit dafür ausläuft.” Innerhalb weniger Monate konnten Großvater und Enkel ihre gemeinsamen Schnitzstunden wieder aufnehmen, und die beiden schickten mir, einige Wochen später, eine kleine Holzfigur, die sie gemeinsam angefertigt hatten, die eine Hälfte von A.W.s geübter Hand, die andere von den noch ungelenken, aber sichtlich engagierten Händen seines Enkels.

Die Nachwirkung

A.W.s Fall hat mich tief berührt, weil er mir zeigte, wie sehr manche Menschen ihre eigene Genesung nicht für sich selbst, sondern für das, was sie an andere weitergeben möchten, vorantreiben. Ich habe seither, bei älteren Patienten mit einem vergleichbaren generationsübergreifenden Anliegen, versucht, dieses Motiv bewusst in die Behandlungsplanung und die Gespräche über die Rehabilitation einzubeziehen, weil es, wie A.W.s Beispiel zeigt, eine oft besonders kraftvolle Quelle der Motivation darstellen kann. Ich denke oft an den Satz zurück, mit dem A.W. mir seine Motivation erklärte, und wie sehr er mich daran erinnerte, dass Handwerk, ebenso wie Wissen im Allgemeinen, nur dann wirklich fortbesteht, wenn es von einer Generation zur nächsten weitergereicht wird, ein Gedanke, der mich, angesichts meiner eigenen langjährigen Tätigkeit als Ausbilder junger Kollegen, besonders anrührte.

A.W.s Enkel, den ich bei den Nachsorgeterminen wiederholt traf, entwickelte in den folgenden Monaten ein zunehmendes, eigenständiges Interesse am Schnitzhandwerk, das, wie mir A.W. bei unserem letzten gemeinsamen Termin mit sichtlichem Stolz berichtete, inzwischen weit über das hinausging, was er selbst ihm bislang beigebracht hatte. „Er übertrifft mich schon jetzt in manchen Details”, sagte A.W., mit einer Mischung aus väterlichem Stolz und der stillen Genugtuung eines Mannes, der weiß, dass sein Lebenswerk in guten Händen liegt.

Ich betrachte die kleine, von beiden Händen gemeinsam geschnitzte Holzfigur, bevor ich sie zu meinen anderen Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.

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