Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Schachspieler
Karteikarte Nr. 110 — Datum: Winter, während einer regionalen Schachmeisterschaft. Kürzel: O.W., 66 J., Schachgroßmeister im Ruhestand. Stichwort: zervikale Nervenkompression, Bedrohung der Konzentrationsfähigkeit durch chronische Schmerzen, nicht der Beweglichkeit. Notiz: eine handschriftlich notierte Partie, “die letzte, die ich vor der Operation noch klar zu Ende denken konnte”.
Der Fall
O.W. war sechsundsechzig Jahre alt, ein national bekannter Schachgroßmeister im Ruhestand, der weiterhin regelmäßig und mit ungebrochenem Ehrgeiz an Turnieren teilnahm, als eine zunehmende Nervenkompression im Bereich seiner Halswirbelsäule chronische, in den Hinterkopf ausstrahlende Schmerzen verursachte. Anders als bei den meisten meiner Patienten stand für O.W. nicht die körperliche Beweglichkeit im Vordergrund seiner Sorge, sondern etwas ganz anderes, das mich zunächst durchaus überraschte: die Angst, seine geistige Konzentrationsfähigkeit könnte durch die anhaltenden, zermürbenden Schmerzen und den dadurch gestörten Schlaf so beeinträchtigt werden, dass er sein geliebtes Schachspiel auf hohem Niveau nicht mehr würde ausüben können. „Ein Schachspieler braucht keine starken Arme”, erklärte er mir, „aber er braucht einen klaren Kopf, ungestört von Schmerz.”
Die Wendung
Die Bildgebung bestätigte eine deutliche Nervenkompression, die durchaus operativ behandelbar war, wobei die eigentliche Herausforderung in diesem Fall weniger in der Operationstechnik selbst lag als in der besonderen Bedeutung, die O.W. der uneingeschränkten geistigen Klarheit beimaß. Ich besprach mit ihm ausführlich, dass eine erfolgreiche operative Entlastung des Nervs typischerweise auch die schmerzbedingten Schlafstörungen und die damit verbundene Beeinträchtigung der Konzentration deutlich verbessern würde, eine Aussicht, die ihn merklich erleichterte, auch wenn er, wie er mir offen gestand, insgeheim eine gewisse abergläubische Sorge hegte, eine Operation an seinem Kopf und Nacken könnte, auf eine ihm selbst nicht ganz erklärliche Weise, „etwas an seinem Denken verändern.”
Die Rettung
Die Operation, eine mikrochirurgische Dekompression des betroffenen Nervs, verlief ohne Komplikationen und in der gewohnt sorgfältigen Präzision, die eine solche Region der Halswirbelsäule verlangt. Ich nahm mir, im Aufwachraum, bewusst Zeit, mit O.W. ein kurzes, einfaches Gespräch zu führen, sobald er ausreichend wach war, nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern weil ich seine eigentliche, tief sitzende Sorge um seine geistige Klarheit verstanden hatte und ihm, so schnell wie möglich, die beruhigende Gewissheit geben wollte, dass sein Denken vollkommen unverändert und klar geblieben war.
Der Weg zurück
O.W.s Schmerzen besserten sich in den folgenden Wochen deutlich und zunehmend spürbar, sein Schlaf normalisierte sich vollständig, und er kehrte, bereits nach wenigen Monaten, mit spürbar neuer Energie und ungebrochener Konzentrationsfähigkeit zu seinen Turnieren zurück. Er schickte mir, nach seinem ersten Turniersieg nach der Operation, eine handschriftlich notierte Partie mit einer kurzen, humorvollen Widmung: „Beweis, dass der Kopf noch funktioniert. Danke, dass Sie ihn in Ruhe gelassen haben.”
Die Nachwirkung
O.W.s Fall hat mir sehr eindrücklich gezeigt, dass die für einen Patienten wichtigste Dimension von Gesundheit nicht immer die körperliche Beweglichkeit ist, sondern manchmal, wie in seinem Fall, die geistige Klarheit, eine Dimension, die in unseren üblichen medizinischen Aufklärungsgesprächen oft zu kurz kommt, weil wir uns, als Chirurgen, naturgemäß primär auf körperliche Funktionen konzentrieren. Ich frage seither bewusster danach, welche Fähigkeit einem Patienten am meisten bedeutet, körperlich oder geistig, um meine Aufklärung entsprechend gezielt darauf auszurichten. Diese einfache Frage hat mir, bei einer ganzen Reihe nachfolgender Patienten, geholfen, ihre eigentlichen Ängste besser zu verstehen, Ängste, die sich, wie bei O.W., nicht immer mit der medizinischen Diagnose selbst decken, sondern mit dem, was diese Diagnose für das jeweils eigene, ganz persönliche Leben zu bedeuten droht.
Ich lege die handschriftliche Schachpartie zu meinen anderen Erinnerungsstücken, betrachte kurz die sauber notierten Züge, die für mich selbst kaum zu entziffern sind, und ziehe, mit einem nachdenklichen Blick auf den bereits deutlich geschrumpften Kasten, die vorletzte Karte dieses langen, ereignisreichen Schreibabends.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."