Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der rostige Haken
Karteikarte Nr. 051 — Datum: Spätsommer, an einem beliebten, gut besuchten Klettersteig. Kürzel: D.W., 34 J. Stichwort: Versagen eines Sicherungshakens an einer stark frequentierten Klettersteigroute, Sturz trotz vorschriftsmäßiger Sicherung. Notiz: der abgebrochene Haken selbst, den die Bergrettung sicherstellte und mir später übergab.
Der Fall
D.W. war vierunddreißig, ein erfahrener, gut ausgerüsteter Klettersteiggeher, der sich, vorschriftsmäßig mit seinem Klettersteigset gesichert, an einem stark frequentierten, als sicher geltenden Klettersteig befand, als ein alter, bereits stark korrodierter Sicherungshaken unter seinem Gewicht plötzlich brach und ihn mehrere Meter abstürzen ließ, bevor der nächste, glücklicherweise noch intakte Haken seinen Fall auffing. D.W. erlitt beim harten Ruck seines Fallschutzsystems dennoch einen erheblichen Wirbelbruch.
Die Wendung
Die alarmierte Bergrettung, die D.W. rasch erreichte und barg, sicherte auch den defekten, abgebrochenen Haken, dessen offensichtlich fortgeschrittene Korrosion sofort ins Auge fiel, ein Befund, der bei der zuständigen Wegehalterorganisation umgehend eine umfassende Überprüfung sämtlicher Sicherungspunkte entlang der
gesamten Route auslöste. Ich stand, während der Vorbereitung von D.W.s Operation, vor der Erkenntnis, dass sein Sturz, trotz vorbildlicher eigener Vorsicht, letztlich auf eine Wartungslücke zurückzuführen war, die außerhalb seiner eigenen Kontrolle lag.
Die Rettung
Ich operierte D.W. noch am selben Tag, eine Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne Komplikationen verlief. Die anschließende Untersuchung der gesamten Route durch unabhängige Sachverständige ergab mehrere weitere, ähnlich stark korrodierte Haken, die umgehend ausgetauscht wurden, ein Befund, der zeigte, wie knapp eine noch größere Katastrophe an jenem stark frequentierten Klettersteig vermieden worden war.
Der Weg zurück
D.W. erholte sich gut von seiner Operation, ohne bleibende neurologische Beeinträchtigung, und die Wegehalterorganisation überarbeitete, nach diesem folgenschweren Vorfall, ihr gesamtes Inspektionsprotokoll für sämtliche von ihr betreuten Klettersteige unserer Region, mit deutlich verkürzten, unabhängig überprüften Wartungsintervallen. D.W. selbst kehrte, nach sorgfältiger Rehabilitation, zu seinem geliebten Klettersteiggehen zurück, allerdings, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin versicherte, „mit einem geschärften Blick für den tatsächlichen Zustand jedes einzelnen Hakens.”
Die Nachwirkung
D.W.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, dass selbst vorbildliche, eigenverantwortliche Vorsicht einen Sportler nicht vollständig vor den Folgen fremder Nachlässigkeit schützen kann, und wie wichtig konsequente, unabhängige Wartungskontrollen bei öffentlich zugänglicher Sicherheitsinfrastruktur tatsächlich sind. Ich habe, im Nachgang dieses Vorfalls, mehrfach mit Vertretern verschiedener Wegehalterorganisationen unserer Region gesprochen, um für eine noch konsequentere, regelmäßigere Überprüfung aller Sicherungspunkte an unseren zahlreichen Klettersteigen zu werben, in dem Bewusstsein, dass die stetig wachsende Beliebtheit dieser Sportart auch eine wachsende Verantwortung für deren technische Instandhaltung mit sich bringt.
Ich habe mich, seit diesem Fall, auch intensiver mit der Materialkunde von Klettersteig-Sicherungssystemen beschäftigt, ein Thema, das mir zuvor gänzlich fremd war, das mir aber half, die technischen Erklärungen der hinzugezogenen Sachverständigen besser zu verstehen und meinen eigenen Patienten, die selbst diesen Sport betreiben, fundierter Auskunft über realistische Risikoeinschätzungen geben zu können. Ich habe dabei gelernt, wie unterschiedlich schnell verschiedene Materialien unter den extremen Witterungsbedingungen unserer alpinen Region tatsächlich korrodieren können, ein Wissen, das mich seither auch bei meinen eigenen, gelegentlichen Wanderungen mit einem geschärften Blick auf die Sicherheitsinfrastruktur begleitet.
D.W. schickte mir, einige Monate nach seiner vollständigen Genesung, ein Foto von sich selbst an jenem inzwischen vollständig sanierten Klettersteig, mit einem breiten, zufriedenen Lächeln, begleitet von der Nachricht, dass er sich, trotz allem, was ihm widerfahren war, „nie sicherer gefühlt habe als bei diesem ersten Wiederaufstieg nach der Sanierung.” Diese Rückmeldung hat mich, angesichts der Schwere seines ursprünglichen Sturzes, mit besonderer Freude erfüllt und mir noch einmal gezeigt, wie wichtig es Menschen ist, zu einer Leidenschaft zurückzukehren, die sie fast das Leben gekostet hätte, sobald die zugrunde liegenden Sicherheitsmängel tatsächlich behoben wurden.
Ich betrachte den abgebrochenen, stark korrodierten Haken, den mir die Bergrettung überreichte, bevor ich ihn zu meinen mahnenden Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.
Weiterlesen im Journal
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