Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Polizist von damals
Karteikarte Nr. 104 — Datum: fünfzehn Jahre nach einem gemeinsamen Einsatz. Kürzel: F.T., 58 J., Polizeibeamter im Ruhestand. Stichwort: Wiederbegegnung mit einem Beamten, der Jahre zuvor einen Unfallort für mich gesichert hatte, nun selbst als Patient. Notiz: ein altes, leicht verblasstes Einsatzprotokoll, gemeinsam aufbewahrt.
Der Fall
F.T. war achtundfünfzig, ein pensionierter Polizeibeamter, als ein fortgeschrittener Bandscheibenvorfall ihn mit starken, ausstrahlenden Beinschmerzen in meine Sprechstunde führte. Während unseres ersten Gesprächs, in dem ich, wie üblich, auch nach seinem beruflichen Werdegang fragte, hielt er plötzlich inne, betrachtete mich einen Moment lang aufmerksam und fragte: „Waren Sie nicht der Arzt bei diesem Massenunfall auf der Autobahn, vor Jahren, in jener neblichen Novembernacht?” Ich erinnerte mich, mit wachsendem Erstaunen, tatsächlich an jene Nacht, die ich in meinem ersten Archiv-Band bereits beschrieben hatte, jene Nacht, in der ich selbst zufällig in eine Massenkarambolage geriet und einen Verletzten im Straßengraben stabilisierte, bevor die eigentlichen Rettungskräfte eintrafen.
Die Wendung
F.T., wie sich in unserem Gespräch herausstellte, war einer der ersten Polizeibeamten gewesen, die an jenem Novemberabend die Unfallstelle sicherten, und er erinnerte sich, mit erstaunlicher Detailgenauigkeit, an einen Arzt, der bereits vor Ort war, als die offiziellen Rettungskräfte eintrafen, und der einen schwerverletzten Mann im Straßengraben mit bemerkenswerter Ruhe versorgte. „Ich habe damals gedacht, dass ich diesem Mann mein Leben lang dankbar sein müsste, hätte es mich selbst getroffen”, sagte er mir, mit einem Lächeln, das die Ironie der aktuellen Situation, in der ausgerechnet er nun selbst mein Patient war, deutlich erkennen ließ.
Die Rettung
Die Operation, eine mikrochirurgische Entfernung des vorgefallenen Bandscheibenmaterials, verlief technisch unkompliziert, begleitet aber von einer besonderen, fast familiären Vertrautheit zwischen uns beiden, die sich aus dieser überraschenden, gemeinsamen Vorgeschichte ergab. Wir tauschten, während der Vorbereitung auf die Operation, weitere Erinnerungen an jene turbulente Nacht aus, Details, die ich in meiner eigenen Erinnerung längst verblasst geglaubt hatte und die durch F.T.s Schilderung wieder lebendig wurden, ein ungewöhnlicher, aber angenehmer Rahmen für ein sonst eher nüchternes präoperatives Gespräch.
Der Weg zurück
F.T. erholte sich gut von der Operation, seine Schmerzen besserten sich deutlich, und er kehrte, innerhalb weniger Wochen, zu seinem aktiven Ruhestand zurück, der, wie er mir erzählte, vor allem aus ausgedehnten Wanderungen mit seiner Frau bestand. Bei seinem letzten Kontrolltermin brachte er mir eine Kopie des alten Einsatzprotokolls jener Novembernacht mit, das er, wie sich herausstellte, all die Jahre über aufbewahrt hatte, mit dem handschriftlichen Vermerk eines unbekannten Arztes, der vor Ort Erste Hilfe geleistet hatte, ein Protokoll, das, wie wir beide zu unserer beiderseitigen Verblüffung feststellten, tatsächlich meine eigene, damals hastig notierte Unterschrift trug.
Die Nachwirkung
F.T.s Geschichte gehört zu jenen seltenen, fast unwirklich anmutenden Zufällen in meinem Archiv, die mich immer wieder daran erinnern, wie eng die vielen Fäden eines langen Berufslebens, das über Jahrzehnte an ein und demselben Ort verbracht wird, miteinander verwoben sein können, ohne dass man es zunächst ahnt. Zwei Menschen, die sich in einer chaotischen, nebligen Nacht für wenige Minuten begegneten, ohne die Namen des jeweils anderen zu kennen, trafen sich, fünfzehn Jahre später, in einer vollkommen anderen Rolle wieder, verbunden durch ein vergilbtes Protokoll, das beide, unabhängig voneinander, all die Jahre aufbewahrt hatten.
Wir legten unsere jeweiligen Erinnerungsstücke jener Nacht, sein Protokoll und meine eigene, in Band eins bereits erwähnte Karte, bei seinem letzten Termin nebeneinander auf meinen Schreibtisch, ein kleines, stilles Wiedersehen zweier Papiere, die fünfzehn Jahre getrennt voneinander denselben Moment festgehalten hatten.
Ich lege beide zurück und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten, der sich, wie ich mit einem nachdenklichen Blick auf den spürbar geschrumpften, verbleibenden Stapel unbeschriebener Blätter feststelle, allmählich seinem Ende zuneigt.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."