Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Der Patient, der seinen eigenen Namen nicht sagen wollte
Karteikarte Nr. 005 — Datum: stürmische Nacht, anonyme Einlieferung. Kürzel: unbekannt, männlich, geschätzt Mitte vierzig. Stichwort: schwerer Wirbelbruch, Patient verweigert jede Angabe zu seiner Identität, spätere Auflösung überraschender als erwartet. Notiz am Rand: “Manche Menschen verstecken sich nicht vor der Welt, sondern vor sich selbst.”
Der Fall
Er wurde, in einer stürmischen Nacht, von einem Passanten bewusstlos am Fuß einer steilen Treppe gefunden, die zu einer wenig genutzten Uferpromenade führte, und traf, ohne jedes Ausweisdokument, in unserer Notaufnahme ein. Als er das Bewusstsein wiedererlangte, verweigerte er, entgegen jeder üblichen Reaktion in einer solchen Situation, konsequent jede Angabe zu seiner Identität, weder seinen Namen noch eine Kontaktperson, mit einer Bestimmtheit, die mich, angesichts seiner offensichtlichen Schmerzen, zunehmend beunruhigte.
Die Wendung
Die Bildgebung zeigte einen schweren Wirbelbruch, der eine dringende operative Stabilisierung erforderlich machte, doch die fortgesetzte Weigerung des Patienten, seine Identität preiszugeben, erschwerte nicht nur die administrative, sondern auch die medizinische Versorgung erheblich, da wir weder seine Krankengeschichte noch mögliche Vorerkrankungen oder Medikamente kannten. Ich versuchte, in mehreren behutsamen Gesprächen, herauszufinden, was hinter dieser ungewöhnlichen Verweigerung stand, und spürte, hinter seiner äußeren Bestimmtheit, eine tiefe, kaum verhohlene Scham, deren Ursprung mir zunächst vollständig verborgen blieb.
Die Rettung
Wir operierten ihn schließlich, nach ausführlicher rechtlicher Abklärung mit unserer Klinikverwaltung, auf Basis einer mutmaßlichen Einwilligung, wie es das Gesetz bei einer lebensbedrohlichen Situation und fehlender anderweitiger Möglichkeit vorsieht, eine Stabilisierung des gebrochenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne Komplikationen verlief. Erst Tage später, während seiner Genesung, vertraute er sich, in einem späten, nächtlichen Gespräch, unserer erfahrenen Sozialarbeiterin an: Er hatte, Jahre zuvor, seine Familie unter belastenden Umständen verlassen, ein Leben unter falschem Namen in einer anderen Stadt begonnen, und fürchtete, mit der Preisgabe seiner wahren Identität, mit einer Vergangenheit konfrontiert zu werden, der er sich, wie er selbst zugab, noch immer nicht gewachsen fühlte.
Der Weg zurück
Der Mann erholte sich gut von seiner Operation, und mit behutsamer, professioneller Unterstützung unserer Sozialarbeiterin begann er, in den folgenden Wochen, erste, vorsichtige Schritte zu einer möglichen Versöhnung mit seiner eigentlichen Identität und, wie er hoffte, irgendwann auch mit den Menschen, die er zurückgelassen hatte. Ich habe, aus Respekt vor seiner fortbestehenden Zurückhaltung, seine tatsächliche Geschichte in dieser Karte bewusst nicht weiter ausgeführt, als er selbst mir zu erzählen erlaubte.
Die Nachwirkung
Dieser Fall hat mir eindrücklich gezeigt, dass die Gründe, aus denen sich Menschen verstecken, weitaus vielschichtiger sein können, als ich es mir zuvor hätte vorstellen können, und dass hinter einer scheinbar unerklärlichen Verweigerung manchmal eine tief sitzende, sehr menschliche Scham steckt, die mehr Verständnis als Misstrauen verdient. Ich habe seither gelernt, bei ähnlichen Fällen anonymer Einlieferung, die eigene Neugier bewusst zurückzustellen und dem Menschen vor mir die Zeit zu lassen, die er braucht, um sich, wenn überhaupt, aus eigenem Antrieb zu offenbaren. Unsere Sozialarbeiterin, die ihn während seines gesamten Aufenthalts begleitete, berichtete mir, kurz vor seiner Entlassung, dass er sich entschlossen habe, zumindest einen ersten, vorsichtigen Brief an seine erwachsene Tochter zu schreiben, ohne zu wissen, ob und wie sie darauf reagieren würde, ein kleiner, aber für ihn offenbar enormer Schritt, den ich, aus der Distanz meiner ärztlichen Rolle, nur mit stiller Anteilnahme verfolgen konnte.
Ich habe, in den Wochen nach seiner Entlassung, mehrfach daran gedacht, wie viele Menschen wohl, ähnlich wie er, irgendwo ein zweites, verborgenes Leben führen, aus Gründen, die uns Außenstehenden verborgen bleiben, und wie behutsam wir als Ärzte mit solchen stillen, oft schmerzhaften Geheimnissen umgehen müssen, wenn sie uns, wie in diesem Fall, unweigerlich begegnen.
Ich lege diese Karte, ohne einen Namen darauf, zurück in den Kasten und ziehe die nächste, während draußen der Sturm jener Nacht in meiner Erinnerung nachzuklingen scheint.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."