Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Parfümeur

Karteikarte Nr. 067 — Datum: mitten in der Entwicklung eines neuen Duftes. Kürzel: C.M., 46 J., Parfümeur. Stichwort: Nervenschädigung mit Auswirkung auf die Geruchswahrnehmung, Bedrohung einer jahrzehntelangen kreativen Laufbahn. Notiz: ein kleines Fläschchen des schließlich vollendeten Duftes, das C.M. mir schenkte.

Der Fall

C.M. war sechsundvierzig Jahre alt, ein in Fachkreisen hoch angesehener Parfümeur, mitten in der monatelangen Entwicklung eines neuen, für ein renommiertes Haus bestimmten Duftes, als eine Nervenschädigung im Bereich seiner Halswirbelsäule, verursacht durch eine bislang unbemerkte Verengung, auf unerwartete Weise seine feine Geruchs-wahrnehmung beeinträchtigte, ein Symptom, das mich zunächst selbst überraschte, da mir ein Zusammenhang zwischen Wirbelsäule und Riechvermögen nicht unmittelbar einleuchtete. „Meine gesamte Existenz als Parfümeur beruht auf meiner Nase, und plötzlich vertraue ich ihr nicht mehr”, erklärte er mir, mit einer Verzweiflung, die mich tief berührte.

Die Wendung

Eine gründliche neurologische Untersuchung ergab, dass die Nervenkompression tatsächlich, über einen komplexen, indirekten Mechanismus, bestimmte für die Geruchsverarbeitung relevante Hirnareale in ihrer Durchblutung beeinträchtigte, ein seltener, aber medizinisch dokumentierter Zusammenhang, der mir selbst, trotz meiner umfangreichen Erfahrung, eine zusätzliche, sorgfältige Literaturrecherche abverlangte.

Die Bildgebung zeigte eine deutliche Kompression, die eine operative Entlastung nahelegte, mit der begründeten Hoffnung, dass sich auch C.M.s Geruchswahrnehmung nach der Operation wieder normalisieren würde.

Die Rettung

Die Operation, eine mikrochirurgische Entlastung des betroffenen Nervs, verlief ohne Komplikationen. Ich besprach mit C.M. im Anschluss, wie unsicher eine vollständige Wiederherstellung seiner ursprünglichen Geruchswahrnehmung tatsächlich sei, eine ehrliche, aber notwendige Einschränkung meiner Prognose, die er, trotz seiner verständlichen Sorge, mit bemerkenswerter Fassung aufnahm.

Der Weg zurück

C.M.s Geruchswahrnehmung normalisierte sich, in den Wochen nach seiner Operation, tatsächlich schrittweise, zunächst zögerlich, dann zunehmend vollständig, ein Verlauf, der sowohl ihn als auch mich selbst mit großer Erleichterung erfüllte. Er konnte, mit einiger Verzögerung, jenen begonnenen Duft schließlich vollenden, und er schickte mir, nach dessen erfolgreicher Markteinführung, ein kleines Fläschchen als besonderen Dank.

Die Nachwirkung

C.M.s Fall gehört zu den medizinisch ungewöhnlichsten in meinem gesamten Archiv, weil er mir eine mir zuvor kaum bekannte Verbindung zwischen Wirbelsäule und Geruchssinn aufzeigte, eine Erinnerung daran, wie vernetzt und komplex der menschliche Körper tatsächlich ist, selbst nach Jahrzehnten intensiver medizinischer Erfahrung. Ich habe, seit diesem Fall, die vorhandene Fachliteratur zu diesem seltenen Zusammenhang gründlich studiert und dabei festgestellt, wie wenig tatsächlich über die feinen, indirekten Verbindungen zwischen bestimmten Wirbelsäulenkompressionen und höheren sensorischen Verarbeitungsprozessen bekannt ist, ein Forschungsfeld, das mich seither mit wachsender Neugier begleitet und mich dazu bewogen hat, mit ehemaligen Kollegen aus der neurologischen Forschung über eine mögliche systematische Untersuchung dieses Phänomens zu sprechen.

C.M. lud mich, nach der erfolgreichen Markteinführung jenes Duftes, an dem er während seiner Krise gearbeitet hatte, zu einer privaten Präsentation in seinem Pariser Atelier ein, eine Einladung, der ich, gemeinsam mit meiner Frau, bei einer ohnehin geplanten Reise gerne folgte. Ich verstand, während dieser Präsentation, bei der er uns durch die komplexe, vielschichtige Komposition jenes Duftes führte, noch besser als durch jedes unserer vorangegangenen Gespräche, welch außergewöhnliche sensorische und kreative Leistung hinter der Kunst der Parfümerie tatsächlich steckt, eine Wertschätzung, die mich seither, wann immer ich selbst ein Parfüm auswähle, mit neuen, aufmerksameren Sinnen begleitet.

Ich denke oft an C.M.s eigene, bewegende Beschreibung jenes Moments zurück, in dem er, nach seiner Operation, zum ersten Mal wieder den vollen, komplexen Duft einer einzelnen Rose wahrnahm: „Es war, als würde mir die Welt in ihrer vollen Farbigkeit zum ersten Mal wieder zurückgegeben.” Diese Formulierung hat mich, angesichts der existenziellen Bedeutung seiner Geruchswahrnehmung für sein gesamtes berufliches Selbstverständnis, tief berührt.

Ich öffne das kleine Fläschchen behutsam, atme den feinen, komplexen Duft ein, und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten.

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