Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Organist

Karteikarte Nr. 131 — Datum: kurz vor Ostern. Kürzel: F.K., 54 J., Kirchenorganist. Stichwort: Nervenschädigung mit Beteiligung von Hand- und Fußkoordination, Bedrohung der für das Orgelspiel notwendigen Vierextremitäten-Koordination. Notiz: eine kleine Orgelpfeife, Miniaturmodell, als Dank überreicht.

Der Fall

F.K. war vierundfünfzig Jahre alt, seit über dreißig Jahren Organist einer bedeutenden Kirche in unserer Region, als eine Verletzung im Bereich seiner Lendenwirbelsäule eine Nervenschädigung verursachte, die sowohl seine Fußkoordination als auch, über einen komplexeren Mechanismus, die Feinabstimmung seiner Handbewegungen beeinträchtigte. Für die meisten Musiker wäre eine bloße Fußkoordinationsstörung ein überschaubares Problem gewesen, doch für einen Organisten, dessen Kunst auf dem gleichzeitigen, unabhängigen Zusammenspiel aller vier Extremitäten beruht, den Händen an mehreren Manualen, den Füßen am Pedal, bedeutete sie eine fundamentale Bedrohung seiner musikalischen Existenz, besonders bedrückend nur kurz vor den für ihn wichtigsten Gottesdiensten des gesamten Kirchenjahres.

Die Wendung

Ich ließ mir von F.K., ähnlich wie bei anderen Patienten mit hochkomplexen koordinativen Anforderungen, die genaue Funktionsweise seines Instruments erklären, die notwendige Unabhängigkeit von Hand- und Fußbewegungen, die selbst für gesunde Musiker eine jahrelange Übung erfordert. Die Bildgebung zeigte eine Nervenkompression, die eine operative Entlastung nahelegte, wobei die besondere Herausforderung darin lag, sowohl die für die Fuß- als auch die für die Handkoordination relevanten Nervenbahnen gleichermaßen zu schonen, eine doppelte Präzisionsanforderung, die ich bei kaum einem anderen Patienten in dieser Kombination erlebt hatte.

Die Rettung

Die Operation, eine mikrochirurgische Entlastung der betroffenen Nervenwurzeln, verlief ohne jede Komplikation. Ich besprach mit F.K. im Anschluss einen sorgfältig gestuften Rehabilitationsplan, der zunächst die Fußkoordination, dann die kombinierte Hand-Fuß-Koordination trainierte, in enger Abstimmung mit unserer Physiotherapie, die sich, ähnlich wie bei anderen hochspezialisierten Fällen, auf die spezifischen Anforderungen seines Instruments einstellen musste.

Der Weg zurück

F.K. arbeitete mit großer Disziplin und Ausdauer an seiner Genesung, übte zunächst an einem elektronischen Übungsinstrument mit reduzierten Anforderungen, bevor er sich, Schritt für Schritt und mit wachsendem Selbstvertrauen, wieder an die vollständige Orgel wagte. Er konnte, rechtzeitig zu den Osterfeierlichkeiten des folgenden Jahres, endlich wieder die volle musikalische Verantwortung für die Festgottesdienste übernehmen, ein Moment, den er mir, bei seinem letzten, sehr herzlichen Kontrolltermin, als „vielleicht bedeutsamer als jedes vorangegangene Osterfest meiner gesamten, langen Laufbahn” beschrieb.

Die Nachwirkung

F.K.s Fall hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie unterschiedlich komplex die koordinativen Anforderungen verschiedener musikalischer Instrumente sein können, und wie wichtig es ist, sich diese Komplexität im Einzelfall genau erklären zu lassen, statt von einer allgemeinen „Musiker-Feinmotorik” auszugehen. Die Kombination aus Hand- und Fußkoordination, wie sie das Orgelspiel verlangt, gehört, wie ich seither weiß, zu den komplexesten motorischen Anforderungen, die ich in meiner gesamten Laufbahn kennengelernt habe. Ich habe, seit diesem Fall, begonnen, mich in meiner freien Zeit ein wenig intensiver mit der Physiologie komplexer Bewegungsabläufe bei Berufsmusikern zu beschäftigen, ein Nebeninteresse, das direkt auf F.K.s Geschichte zurückgeht und das mir seither auch bei anderen Patienten mit musikalischen Berufen zugutekommt.

Besonders eindrücklich blieb mir F.K.s eigene Beschreibung dessen, was ihn während der langen Wochen der Rehabilitation am meisten motivierte: nicht die Aussicht auf ein bestimmtes Konzert, sondern das Bild der vollen Kirche an Ostern, der Gemeinde, die, wie er es formulierte, „ohne die Musik nur halb feiern kann.” Diese Verantwortung, wie er sie empfand, nicht nur für sich selbst, sondern für eine ganze Gemeinschaft zu spielen, hat mich in meiner eigenen Wertschätzung dafür bestärkt, wie viele unsichtbare Fäden ein einzelner Beruf manchmal mit sich trägt.

Ich stelle die kleine Orgelpfeife, die F.K. mir schenkte, zu meinen anderen musikalischen Erinnerungsstücken, neben der Notenseite der Pianistin, deren Geschichte ich bereits erzählt habe, und ziehe die nächste Karte aus dem allmählich schmaler werdenden Kasten.

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