Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Der Name, den ich mir selbst gab

Ich lege ein weiteres Scheit ins Feuer, das in der letzten halben Stunde beim Schreiben fast erloschen ist, und lasse eine Erinnerung zurückkehren, die mich, seit dem Brief der Leserin, nicht mehr losgelassen hat.

Als ich mich, kurz nach meinem endgültigen Abschied aus dem OP-Saal, entschloss, das Schreiben, das mich zeitlebens begleitet hatte, zu meiner neuen, hauptberuflichen Aufgabe zu machen, stand ich vor einer Entscheidung, die mir zunächst deutlich schwerer fiel, als ich erwartet hatte: unter welchem Namen sollte ich diese neuen Bücher veröffentlichen? Ich hatte, in den Jahrzehnten zuvor, meinen eigenen Namen mit einer bestimmten, klar umrissenen fachlichen Autorität verbunden, mit Vorträgen auf internationalen Kongressen, mit Fachpublikationen, mit dem Vertrauen, das mir meine Patienten über all die Jahre entgegengebracht hatten. Ich spürte, noch bevor ich die ersten Zeilen meines allerersten belletristischen Manuskripts geschrieben hatte, dass ich diese beiden Sphären, die des Chirurgen und die des Erzählers, bewusst voneinander trennen wollte.

Ich verbrachte mehrere Wochen damit, verschiedene mögliche Pseudonyme zu erwägen, verwarf die meisten davon rasch wieder, weil sie mir entweder zu gekünstelt oder zu beliebig erschienen. Der Name, der schließlich blieb, entstand an einem gewöhnlichen Abend, an genau diesem Schreibtisch, während ich, mit einem Glas Wein neben mir, über die Frage nachdachte, was mich eigentlich zum Schreiben trieb. Ich kam, nach langem Nachdenken, zu der Überzeugung, dass es letztlich immer dieselbe Antriebskraft war, die mich sowohl in den OP-Saal als auch an den Schreibtisch geführt hatte: eine tiefe, fast schon bedingungslose Zuneigung zu den Geschichten der Menschen, die mir begegneten, gleich ob als Patienten oder als Figuren meiner eigenen Fantasie. „Art” für die Kunstform, die das Schreiben für mich zeitlebens war, „Adoro”, das lateinische Wort für „ich liebe”, als Bekenntnis zu genau jener Zuneigung.

Meine Frau war die Erste, der ich diesen neuen Namen vorschlug, an ebendiesem Kamin, an dem ich auch diese Zeilen schreibe. Sie hörte sich meine Erklärung mit der ihr eigenen, geduldigen Aufmerksamkeit an, und sagte schließlich, mit einem Lächeln, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: „Es klingt, als hättest du endlich einen Namen für das gefunden, was du all die Jahre über ohnehin schon warst.” Ich habe diesen Satz, in den folgenden Jahren, immer wieder als eine Art stille Bestätigung betrachtet, dass ich mit diesem neuen Namen keine neue Identität erfunden, sondern eine bereits bestehende, bislang namenlose Seite meiner selbst endlich benannt hatte.

Die ersten Jahre unter diesem neuen Namen waren, das gebe ich offen zu, von erheblicher Unsicherheit geprägt. Ich musste, ganz von vorn, ein Publikum finden, das mich, anders als meine ehemaligen Patienten, nicht bereits kannte und mir vertraute, sondern dass ich mir, Buch für Buch, erst erarbeiten musste. Ich erinnere mich an die ersten, bescheidenen Verkaufszahlen meiner frühesten Veröffentlichungen, an Momente des Zweifels, ob dieser zweite berufliche Weg tatsächlich tragfähig sein würde, ähnlich wie ich sie, Jahrzehnte zuvor, während meiner eigenen, langen Wartezeit auf einen Medizinstudienplatz durchlebt hatte.

Ich schließe die Augen für einen Moment, während das Feuer wieder aufflammt, und denke an all die Bücher, die seither unter diesem Namen entstanden sind, mehr als zweihundert inzwischen, über zahlreiche Reihen und Genres verteilt, von den medizinischen Sachbüchern bis zu den Kriminalromanen, die am Wörthersee und in Heidelberg spielen. Jedes einzelne dieser Bücher trägt, auf seine eigene Weise, etwas von jener ursprünglichen Erkenntnis in sich, die mir an diesem Schreibtisch kam: dass Kunst und Zuneigung, richtig verstanden, nie wirklich voneinander zu trennen sind, ganz gleich, in welcher Form sie sich ausdrücken.

Ich greife nach der nächsten Karte, bereit, die nächste Geschichte dieses dritten Bandes zu erzählen, in dem Bewusstsein, dass der Name, den ich mir selbst gab,

[Der Name, den ich mir selbst gab KI-generierte Inhalte können fehlerhaft sein.]

mich inzwischen länger begleitet hat als so manches Kapitel meines eigenen, ursprünglichen Lebens.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."