Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Der Moment, in dem ich beinahe selbst zum Patienten wurde

Ich lege O.K.s Karte beiseite und lasse eine Erinnerung zurückkehren, die mich selbst betrifft, eine Geschichte, die ich in keinem der vorangegangenen Bände dieses Archivs bislang erzählt habe.

Vor einigen Jahren, mitten in einer intensiven, arbeitsreichen Schreibphase für einen meiner Kriminalromane, bemerkte ich, an einem ganz gewöhnlichen Morgen, ein ungewöhnliches Kribbeln in meinem rechten Arm, dass sich, im Laufe des gesamten Tages, zu einer spürbaren Schwäche entwickelte. Als ehemaliger Neurochirurg wusste ich, mit einer Präzision, die mir in diesem Moment wenig Trost spendete, genau, welche möglichen Ursachen ein solches Symptom haben konnte, und ich verbrachte die folgenden Stunden in einer Art professioneller Selbstdiagnose, die mich zunehmend beunruhigte.

Ich rief schließlich einen ehemaligen, mir seit Jahrzehnten eng vertrauten Kollegen an, mit dem ich lange zusammengearbeitet hatte, und bat ihn, unter deutlich anderen, ungewohnten Umständen als sonst üblich, um eine Untersuchung. Ich erinnere mich an das eigentümliche, fast surreale Gefühl, auf jener vertrauten Untersuchungsliege zu liegen, auf der ich selbst über Jahrzehnte unzählige Patienten untersucht hatte, diesmal jedoch nicht als der Arzt, sondern als derjenige, der auf eine Diagnose wartete. Die Bildgebung zeigte schließlich eine mäßige, aber eindeutige Nervenkompression im Bereich meiner Halswirbelsäule, ein Befund, den ich, hätte ihn einer meiner eigenen Patienten gezeigt, ohne zu zögern als operationsbedürftig eingestuft hätte.

Ich stand nun selbst vor genau jener Entscheidung, die ich unzähligen Patienten über die Jahre hatte erklären müssen, und erlebte, zum ersten Mal aus der Perspektive des Betroffenen, wie viel schwerer sich eine solche Entscheidung tatsächlich anfühlt, wenn man selbst der Patient ist. Mein ehemaliger Kollege, der mich operierte, gestand mir später, dass auch er, angesichts der Verantwortung, ausgerechnet seinen langjährigen, hoch angesehenen Chef und Mentor zu operieren, eine ungewohnte Nervosität verspürt hatte, ein Eingeständnis, das mich, angesichts seiner sonst so ruhigen professionellen Fassung, tief berührte.

Die Operation selbst verlief, wie er mir später ausführlich versicherte, ohne jede Komplikation, und meine Genesung folgte, in großen Zügen, genau jenem gewohnten Verlauf, den ich selbst unzähligen Patienten über die vielen Jahre hinweg ausführlich beschrieben hatte. Und doch veränderte diese eigene Erfahrung, so kurz sie im Rückblick auch war, mein Verständnis meines eigenen Berufs auf eine Weise, die ich zuvor nicht für möglich gehalten hätte: die Angst vor der Narkose, die Ungewissheit der Wartezeit, die Erleichterung nach dem Aufwachen aus der Narkose, all das, was ich unzähligen Patienten über Jahrzehnte hinweg geduldig erklärt hatte, ohne es selbst am eigenen Körper und Leib jemals wirklich erfahren zu haben.

Ich habe, seit dieser eigenen Erfahrung, jedem meiner Patienten, mit denen ich seither über eine bevorstehende Operation sprach, mit einer noch tieferen, aus eigener Erfahrung gespeisten Empathie begegnet. Ich habe, in den Wochen meiner eigenen Genesung, auch begonnen, mir bewusst Notizen zu machen über all die kleinen, oft übersehenen Details, die den Alltag eines Patienten tatsächlich prägen, das ungeduldige Warten auf die nächste Kontrolluntersuchung, die kleinen Unsicherheiten im Umgang mit einer noch ungewohnten körperlichen Einschränkung, Details, die ich, trotz meiner jahrzehntelangen professionellen Erfahrung, aus der Perspektive des Arztes offenbar nie vollständig hatte nachvollziehen können.

Meine Frau, die mich während dieser gesamten Zeit mit derselben stillen, unerschütterlichen Geduld begleitete, die sie mir all die Jahre über in meiner beruflichen Laufbahn entgegengebracht hatte, sagte mir, kurz nach meiner vollständigen Genesung, einen Satz, den ich seither oft zitiere: „Jetzt weißt du endlich, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen.” Ich greife nach der nächsten Karte, mit dem besonderen Bewusstsein, dass ich, trotz all meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Chirurg, letztlich derselben menschlichen Verletzlichkeit unterliege wie jeder Patient, dessen Geschichte ich in diesem Archiv festgehalten habe.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."