Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Marionettenspieler
Karteikarte Nr. 118 — Datum: kurz vor einer Weihnachtsvorstellung. Kürzel: R.W., 61 J., Marionettenspieler. Stichwort: Nervenschädigung an beiden Händen, Bedrohung der Fadenführung, generationsübergreifendes Familientheater. Notiz: eine winzige, selbst geschnitzte Marionette, kaum handspannengroß.
Der Fall
R.W. war einundsechzig, führte in vierter Generation ein kleines, traditionsreiches Marionettentheater, als eine fortschreitende Nervenschädigung in beiden Händen, verursacht durch eine Verengung im Bereich seiner Halswirbelsäule, seine Fähigkeit bedrohte, die feinen, komplexen Fadenführungen seiner selbst geschnitzten Marionetten präzise zu steuern. Die alljährliche Weihnachtsvorstellung seines Theaters, eine seit Jahrzehnten in der Region beliebte Tradition, stand in wenigen Wochen an, als er, mit zunehmender Sorge, bemerkte, dass ihm die feinen Bewegungen, die seine Kunst ausmachten, immer schwerer fielen.
Die Wendung
Ich verstand, bei unserem ersten Gespräch, rasch, dass R.W.s Sorge weit über die übliche Angst vor bleibenden motorischen Einschränkungen hinausging: Sein Theater war nicht nur sein Beruf, sondern ein über Generationen weitergegebenes Familienerbe, das er selbst eines Tages an seine eigene Tochter weitergeben wollte, die bereits begann, an seiner Seite die komplizierte Kunst der Fadenführung zu erlernen. Die Bildgebung zeigte eine deutliche Nervenkompression, die eine operative Entlastung nahelegte, wobei die besondere Herausforderung, ähnlich wie bei anderen Patienten mit hochspezialisierten feinmotorischen Anforderungen, in der bestmöglichen Schonung genau jener Nervenbahnen lag, die für seine präzise Fingerarbeit entscheidend waren.
Die Rettung
Wir operierten R.W. mit besonderer Rücksicht auf den zeitlichen Druck der bevorstehenden Weihnachtsvorstellung, planten den Eingriff aber dennoch mit der gebotenen Sorgfalt, ohne die Sicherheit der Operation der Terminplanung unterzuordnen. Die mikrochirurgische Entlastung der betroffenen Nervenwurzeln verlief ohne Komplikationen, und ich besprach mit ihm im Anschluss ausführlich, welche Bewegungsübungen seine Hände in den ersten Wochen der Heilung gezielt auf die feinmotorischen Anforderungen der Fadenführung vorbereiten konnten.
Der Weg zurück
R.W. arbeitete, mit derselben Disziplin, die andere Patienten mit ähnlich spezifischen beruflichen Anforderungen bereits gezeigt hatten, intensiv an seiner Rehabilitation, übte zunächst mit einfacheren, dann zunehmend komplexeren Marionetten. Er konnte, wenn auch mit reduziertem eigenem Anteil, tatsächlich an der Weihnachtsvorstellung mitwirken, wobei seine Tochter, in einer symbolisch bedeutsamen Wendung der Geschichte, erstmals die anspruchsvollsten Figuren komplett eigenständig führte, während R.W. selbst die einfacheren Rollen übernahm, ein Rollentausch, der ihn, wie er mir später mit gemischten, aber überwiegend stolzen Gefühlen erzählte, „früher gekommen ist, als ich es mir gewünscht hätte, aber genau richtig, wie sich zeigte.”
Die Nachwirkung
R.W.s Geschichte hat mich daran erinnert, dass manche Operationen nicht nur die Beweglichkeit eines einzelnen Menschen betreffen, sondern, wie in seinem Fall, den Fortbestand einer über Generationen weitergegebenen Familientradition, und wie wichtig es ist, diese größere Bedeutung bei der Behandlungsplanung mitzudenken, ohne dabei den medizinisch notwendigen Zeitrahmen zu gefährden. Ich habe, seit diesem Fall, ein besonderes Gespür dafür entwickelt, wann hinter der Sorge eines Patienten um seine körperliche Funktion eine noch größere, oft unausgesprochene Sorge steckt, in R.W.s Fall die Sorge, ein über Jahrzehnte gewachsenes Familienerbe nicht mehr in vollem Umfang weitergeben zu können, eine Sorge, die medizinisch schwer zu quantifizieren, aber für den betroffenen Menschen selbst von zentraler Bedeutung ist.
Besonders berührt hat mich im Rückblick, wie sehr sich R.W.s eigene Haltung zu seinem Theater im Laufe seiner Genesung veränderte. Wo er zu Beginn unseres Gesprächs noch mit spürbarer Anspannung von der drohenden Unmöglichkeit sprach, seine eigenen Fäden zu führen, sprach er bei seinem letzten Kontrolltermin mit einer fast schon gelösten Freude davon, wie natürlich sich der Übergang der Hauptverantwortung auf seine Tochter letztlich vollzogen hatte, ein Prozess, den seine gesundheitliche Einschränkung zwar beschleunigt, aber, wie er selbst inzwischen glaubte, keineswegs erzwungen hatte, sondern lediglich einen ohnehin bevorstehenden, natürlichen Generationenwechsel um einige Jahre vorgezogen hatte.
Ich betrachte die winzige, kunstvoll geschnitzte Marionette, die R.W. mir schenkte, kaum größer als meine Handspanne, bevor ich sie zu meinen anderen Erinnerungsstücken stelle und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."