Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Der Mann von der Parkbank

Karteikarte Nr. 138 — Datum: kalter Herbstmorgen. Kürzel: K.R., 55 J., wohnungslos. Stichwort: schwerer Sturz, Wirbelbruch, anfängliche Zurückhaltung des Patienten selbst aus Scham über seine Lebenssituation. Notiz: eine kleine, selbstgeschriebene Dankeskarte, auf der Rückseite eines Pappkartons verfasst.

Der Fall

K.R. war fünfundfünfzig, seit mehreren Jahren wohnungslos, als er, an einem kalten Herbstmorgen, von einer Parkbank stürzte, auf der er die Nacht verbracht hatte, und sich dabei einen Wirbelbruch zuzog. Ein Passant, der ihn regungslos auffand, alarmierte den Rettungsdienst, doch als K.R. das Bewusstsein wiedererlangte, versuchte er zunächst, trotz sichtlich starker Schmerzen, die Rettungskräfte davon zu überzeugen, ihn nicht in eine Klinik zu bringen, eine Reaktion, die, wie ich später verstand, weniger mit der eigentlichen Verletzung als mit einer tiefen, über Jahre gewachsenen Scham über seine Lebenssituation zu tun hatte.

Die Wendung

Als K.R. schließlich doch in unsere Notaufnahme gebracht wurde, spürte ich, bei unserem ersten Gespräch, seine deutliche Zurückhaltung, überhaupt Fragen zu seiner Lebenssituation zu beantworten, aus Furcht, wie er mir später anvertraute, „anders behandelt zu werden, weil ich keine Adresse mehr habe.” Ich machte ihm, so klar ich konnte, deutlich, dass seine Wohnsituation für die Frage, ob und wie wir ihn behandeln würden, keinerlei Rolle spielte, und dass die dringend notwendige Operation seines Wirbelbruchs unabhängig davon erfolgen würde. Ich sah, wie sich eine spürbare Anspannung in seinen Schultern löste, eine Reaktion, die mich nachdenklich stimmte, wie tief diese Sorge bei ihm verwurzelt gewesen sein musste.

Die Rettung

Wir operierten K.R. innerhalb weniger Stunden, eine Stabilisierung des gebrochenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne Komplikationen verlief. Während seines stationären Aufenthalts zog ich, gemeinsam mit unserer Sozialarbeiterin, auch die Frage seiner weiteren Versorgung nach der Entlassung mit ein, da eine Rückkehr auf die Straße unmittelbar nach einer Wirbelsäulenoperation medizinisch nicht verantwortbar gewesen wäre. Wir organisierten, in Zusammenarbeit mit einer örtlichen sozialen Einrichtung, eine Übergangsunterkunft, in der er die notwendige erste Zeit seiner Genesung unter angemessenen Bedingungen verbringen konnte.

Der Weg zurück

K.R. erholte sich gut von der Operation, und die Zusammenarbeit mit der sozialen Einrichtung während seiner Genesung öffnete ihm, wie er mir bei einem späteren Kontrolltermin erzählte, unerwartet auch weitere Unterstützungsangebote, die ihm letztlich halfen, eine dauerhaftere Wohnsituation zu finden, ein Weg, der weit über die eigentliche medizinische Behandlung seines Wirbelbruchs hinausreichte. Er brachte mir, zu seinem letzten Kontrolltermin, eine selbstgeschriebene Dankeskarte mit, auf die Rückseite eines Pappkartons geschrieben, weil er sich, wie er mir mit einem verlegenen Lächeln erklärte, keine gewöhnliche Karte hatte leisten können.

Die Nachwirkung

K.R.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie tief die Scham und die Angst vor Zurückweisung bei Menschen ohne festen Wohnsitz sitzen kann, selbst in einer akuten medizinischen Notlage, und wie wichtig es ist, diese Sorge von Beginn an aktiv und unmissverständlich zu entkräften. Ich habe seither, gemeinsam mit unserer Sozialarbeiterin, feste Kontakte zu mehreren sozialen Einrichtungen unserer Region aufgebaut, um bei ähnlichen Fällen rascher und gezielter weiterhelfen zu können. Ich denke oft an K.R.s ersten Satz zurück, mit dem er den Rettungskräften seine Behandlung zu verwehren suchte, und wie viel Selbstverleugnung in diesem einen, kurzen Moment steckte.

Es hat mich gelehrt, bei jedem Patienten, unabhängig von seiner äußeren Erscheinung oder Lebenssituation, von Anfang an ganz bewusst denselben respektvollen, selbstverständlichen Ton anzuschlagen, den ich bei jedem anderen Menschen auch verwenden würde, weil genau diese Selbstverständlichkeit oft der erste, entscheidende Schritt ist, um das Vertrauen eines Menschen zu gewinnen, der gelernt hat, Zurückweisung zu erwarten.

Ich bewahre K.R.s selbstgeschriebene Dankeskarte, auf einem Stück Pappkarton sorgfältig verfasst, als eine der bewegendsten in meinem gesamten Archiv auf, und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten.

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