Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Mann ohne Seil
Karteikarte Nr. 032 — Datum: klarer Herbsttag, während eines Free-Solo-Aufstiegs. Kürzel: D.F., 33 J., Extremkletterer. Stichwort: Sturz während eines ungesicherten Kletterversuchs, überlebt dank eines glücklichen Zufalls, Wirbelsäulenverletzung. Notiz am Rand: “Manche Patienten kalkulieren ihr eigenes Risiko genauer, als es von außen den Anschein hat.”
Der Fall
D.F. war dreiunddreißig Jahre alt, ein in Fachkreisen bekannter, hoch angesehener Extremkletterer, der sich auf das sogenannte Free-Solo-Klettern spezialisiert hatte, das anspruchsvolle Erklimmen anspruchsvoller Felswände vollständig ohne Sicherungsseil, als er, bei einem seiner regelmäßigen Trainingsaufstiege an einer bekannten Felswand unserer Region, aufgrund eines abbrechenden Felsvorsprungs stürzte. Er überlebte diesen Sturz nur, weil er, mehrere Meter unterhalb seiner ursprünglichen Position, auf einem schmalen, dicht bewachsenen Felsband landete, dass seinen Fall glücklicherweise abbremste, bevor er den weit tieferen, felsigen Talgrund hätte erreichen können.
Die Wendung
D.F. erlitt, trotz dieses glücklichen Umstands, einen erheblichen Wirbelbruch, und als er in unserer Klinik eintraf, war ich zunächst überrascht von seiner bemerkenswert nüchternen, fast wissenschaftlichen Beschreibung des Unfallhergangs, eine Präzision, die mir zeigte, wie genau er sich, trotz der scheinbaren Tollkühnheit seines Sports, tatsächlich mit den Risiken seiner Tätigkeit auseinandergesetzt hatte. „Ich kalkuliere jeden Aufstieg bis ins letzte Detail”, erklärte er mir, „aber ein abbrechender Fels lässt sich selbst mit der besten Vorbereitung nicht vollständig ausschließen.”
Die Rettung
Ich operierte D.F. noch am selben Tag, ohne jede Verzögerung, eine Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne Komplikationen verlief. Ich besprach mit ihm, während seiner Genesung, ausführlich seine Herangehensweise an das Risikomanagement seines ungewöhnlichen Sports, ein Gespräch, das mir eine überraschend differenzierte Einsicht in eine Disziplin gab, die von außen oft vorschnell als bloße Tollkühnheit missverstanden wird.
Der Weg zurück
D.F. erholte sich gut und vollständig von seiner Operation, und nach eingehender, ausführlicher Reflexion über die Umstände seines Sturzes kehrte er, mit einer noch akribischeren Routenanalyse und einem bewussten Verzicht auf besonders brüchige Felsformationen, zu seinem Sport zurück, wenn auch, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin versicherte, „mit einem tieferen Respekt vor der Unberechenbarkeit selbst des am besten erforschten Felsens.”
Die Nachwirkung
D.F.s Fall hat mich dazu gebracht, meine eigenen, anfänglichen Vorurteile gegenüber extremen Risikosportarten noch einmal grundlegend zu überdenken. Was mir zunächst als reine Tollkühnheit erschienen war, entpuppte sich, bei genauerem Hinsehen als eine hochdisziplinierte, sorgfältig kalkulierte Praxis, die ihre eigenen, durchaus rationalen Sicherheitsprinzipien verfolgt, auch wenn ein Restrisiko, wie D.F.s eigener Fall zeigt, sich nie vollständig ausschließen lässt. Ich habe, seit diesem Gespräch, mehrere Fachartikel über die Psychologie des Free-Solo-Kletterns gelesen, in der Hoffnung, die Denkweise dieser außergewöhnlichen Sportler noch besser zu verstehen, und bin dabei auf ein wiederkehrendes Muster gestoßen, das sich auch bei D.F. bestätigte: eine außergewöhnlich hohe Fähigkeit zur Risikoeinschätzung, gepaart mit einer bemerkenswerten mentalen Disziplin, die weit über das hinausgeht, was ich mir zuvor bei dieser Sportart vorgestellt hätte.
Besonders eindrücklich blieb mir D.F.s eigene Erklärung, warum er trotz des Unfalls nicht daran dachte, seinen Sport vollständig aufzugeben: „Das Risiko ist Teil dessen, was diese Momente auf dem Fels so bedeutungsvoll macht. Ein Leben ohne dieses Risiko wäre für mich kein volleres, sondern ein leereres Leben.” Diese Aussage, so fremd sie meinem eigenen, auf Sicherheit und Kontrolle ausgerichteten Berufsverständnis zunächst erschien, hat mich seither immer wieder zum Nachdenken gebracht, über die unterschiedlichen Wege, auf denen Menschen ihrem Leben Bedeutung und Intensität verleihen, Wege, die ich als Arzt respektieren lernen musste, auch wenn sie meiner eigenen professionellen Vorsicht manchmal zuwiderlaufen.
Ich lege D.F.s Karte sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe, mit einem nachdenklichen Blick auf die Berge hinter meinem Fenster, die nächste Karte aus dem Kasten, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."