Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Der Mann, der zweimal log
Karteikarte Nr. 016 — Datum: heiterer Frühlingsmorgen, willkommene Abwechslung nach einer schweren Nacht. Kürzel: G.F., 53 J. Stichwort: Patient gab bei der Aufnahme zunächst einen falschen Beruf an, aus Gründen, die sich als überraschend amüsant herausstellten. Notiz am Rand: “Nicht jede Lüge in meiner Notaufnahme hatte einen ernsten Hintergrund.”
Der Fall
G.F. kam, mit einem stabilen, aber schmerzhaften Wirbelbruch nach einem Sturz von einer Zimmerdecke, in unsere Sprechstunde, und gab bei der Aufnahme, ohne dass es zunächst jemandem auffiel, als Beruf „Angestellter im öffentlichen Dienst” an. Erst als ich ihn, im Rahmen der üblichen Anamnese, nach den genauen Umständen seines Sturzes fragte, geriet er sichtlich ins Stocken, und seine Antworten wurden zunehmend vage und widersprüchlich, ein Verhalten, das mich, nach den ernsteren Geschichten der vergangenen Karten, zunächst mit einem gewissen Unbehagen erfüllte.
Die Wendung
Nach mehrfachem, behutsamem Nachfragen gestand mir G.F., mit sichtlicher Verlegenheit, die tatsächliche Wahrheit: Er war nicht, wie angegeben, im öffentlichen Dienst tätig, sondern arbeitete, in seiner Freizeit und ohne Wissen seiner eigenen Familie, als heimlicher Weihnachtsmann-Darsteller für mehrere Kindergärten der Region, eine Tätigkeit, die er aus Scham vor seinen erwachsenen Kindern bislang konsequent verschwiegen hatte, weil er fürchtete, sie könnten seine „unwürdige” Freizeitbeschäftigung belächeln. Sein Sturz hatte sich ereignet, als er, bei der Vorbereitung eines Auftritts, von der Zimmerdecke seines eigenen Dachbodens Dekorationsmaterial herunterholen wollte.
Die Rettung
Wir behandelten G.F.s Wirbelbruch konservativ, mit engmaschiger Kontrolle, ohne dass eine Operation notwendig wurde, eine im Vergleich zu manch anderer Karte in diesem Archiv geradezu erfrischend unkomplizierte medizinische Situation. Die eigentliche „Rettung” bestand, in diesem Fall, weniger in einer chirurgischen Meisterleistung als in einem längeren, herzlichen Gespräch, in dem ich G.F. ermutigte, seine ungewöhnliche, aber offensichtlich mit großer Freude ausgeübte Leidenschaft nicht länger vor seiner eigenen Familie zu verbergen.
Der Weg zurück
G.F. erholte sich, innerhalb weniger Wochen, vollständig von seiner Verletzung, und er berichtete mir, bei seinem letzten Kontrolltermin, mit einem breiten, erleichterten Lächeln, dass er sich, ermutigt durch unser Gespräch, tatsächlich entschlossen habe, seiner Familie von seiner heimlichen Weihnachtsmann-Tätigkeit zu erzählen, eine Enthüllung, die, statt der befürchteten Belustigung, überraschend stolze Reaktionen seiner Enkelkinder hervorrief, die fortan mit ganz besonderem Interesse jede Weihnachtszeit erwarteten.
Die Nachwirkung
G.F.s Geschichte gehört, nach mehreren ernsten Karten in Folge, zu jenen leichteren, aber keineswegs bedeutungsloseren Momenten meines Archivs, die mich daran erinnern, wie viel Freude und wie viele kleine, liebenswerte Geheimnisse sich neben den großen medizinischen Dramen ebenfalls in unserer Notaufnahme finden lassen. Ich lächle noch heute, wenn ich an sein anfängliches Zögern denke, bevor er sich zu seiner ungewöhnlichen Wahrheit bekannte. Ich habe, seit diesem Fall, eine gewisse Vorliebe dafür entwickelt, bei Patienten, deren Angaben zunächst nicht ganz stimmig erscheinen, nicht sofort das Schlimmste zu befürchten, sondern mit der gleichen Geduld nachzufragen, die mir bei G.F. schließlich eine so herzerwärmende Geschichte offenbarte, statt der befürchteten ernsteren Angelegenheit.
G.F. lud mich, im folgenden Winter, sogar zu einer seiner Weihnachtsmann-Vorstellungen in einem der von ihm betreuten Kindergärten ein, eine Einladung, der ich, gemeinsam mit meiner Frau, tatsächlich folgte. Ich saß, an jenem Nachmittag, zwischen aufgeregten Kindern und beobachtete, mit einer Rührung, die mich selbst überraschte, wie G.F., in seinem roten Kostüm, mit spürbarer, echter Hingabe seine Rolle ausfüllte, ein Anblick, der mich noch einmal daran erinnerte, wie wichtig es ist, den Menschen hinter jeder noch so ungewöhnlichen Leidenschaft mit Respekt, statt mit Spott zu begegnen.
Ich lege G.F.s Karte, versehen mit einem kleinen, roten Filzbommel aus seinem Weihnachtsmann-Kostüm, den er mir eigens zum Dank schickte, zu meinen heitersten Erinnerungsstücken und ziehe, mit einem Lächeln, die nächste Karte aus dem Kasten.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."