Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre

Der Mann, der den Blitz überlebte

Karteikarte Nr. 018 — Datum: sommerliches Unwetter, überraschend schneller Wetterumschwung. Kürzel: H.T., 35 J. Stichwort: Blitzeinschlag während einer Bergtour, seltene neurologische Folgeerscheinung mit anfänglich rätselhaftem Symptombild. Notiz am Rand: “Der Blitz selbst überlebte er. Was danach kam, war fast ebenso unwahrscheinlich.”

Der Fall

H.T. war fünfunddreißig Jahre alt, befand sich mitten in einer anspruchsvollen Bergtour, als ein plötzlich aufziehendes Unwetter ihn überraschte und ein Blitz, wenige Meter von ihm entfernt, in einen Felsen einschlug, dessen elektrische Entladung ihn zu Boden warf und kurzzeitig bewusstlos werden ließ. Seine Begleiter, selbst erschüttert von der Wucht des Ereignisses, brachten ihn, sobald es die Wetterbedingungen zuließen, ins Tal, wo er mit einem zunächst diffusen, schwer einzuordnenden Symptombild in unsere Notaufnahme kam: unregelmäßige Muskelzuckungen, eine seltsame, wechselnde Taubheit in verschiedenen Körperregionen, und eine Verwirrtheit, die weder eindeutig auf eine Kopfverletzung noch auf eine reine Verbrennung durch den elektrischen Schlag zurückzuführen war.

Die Wendung

Die Bildgebung zeigte keine strukturellen Verletzungen seiner Wirbelsäule oder seines Gehirns, was das ungewöhnliche Symptombild zunächst noch rätselhafter machte. Erst eine ausführliche neurologische Funktionsdiagnostik enthüllte die tatsächliche Ursache: Der elektrische Schlag hatte offenbar, auf eine seltene, aber in der Fachliteratur dokumentierte Weise, vorübergehende, aber ausgeprägte Störungen der elektrischen Signalübertragung in seinem gesamten Nervensystem verursacht, ein Zustand, der sich von den gewöhnlichen strukturellen Verletzungen, die ich in meiner Laufbahn sonst behandle, fundamental unterschied.

Die Rettung

Ich konsultierte, angesichts dieses für mich ungewöhnlichen Krankheitsbildes, mehrere Fachkollegen mit spezifischer Erfahrung in der Behandlung von Blitzunfällen, ein seltenes, aber weltweit dokumentiertes medizinisches Spezialgebiet. Gemeinsam entwickelten wir ein Behandlungskonzept, das primär auf die Stabilisierung seines Nervensystems und eine engmaschige Überwachung seiner Herzfunktion abzielte, da Blitzunfälle auch gefährliche Herzrhythmusstörungen verursachen können, die sich mitunter erst zeitversetzt zeigen.

Der Weg zurück

H.T.s Symptome besserten sich, über die folgenden Wochen, kontinuierlich und stetig, bis er schließlich, nach etwa zwei Monaten, wieder vollständig beschwerdefrei war, ein Verlauf, der bei Blitzunfällen, wie mir meine hinzugezogenen Fachkollegen versicherten, keineswegs selbstverständlich ist. Er kehrte, mit einer neuen, tiefen Achtung vor der Kraft der Natur, zu seiner geliebten Bergtouren-Leidenschaft zurück, allerdings, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin versicherte, „mit einem völlig neuen Respekt vor jeder einzelnen Wetterwarnung.”

Die Nachwirkung

H.T.s Fall gehört zu den medizinisch ungewöhnlichsten meiner gesamten Laufbahn und hat mir gezeigt, wie viel ich, trotz dreier Jahrzehnte Erfahrung, noch über die Wechselwirkungen zwischen elektrischer Energie und dem menschlichen Nervensystem zu lernen hatte. Ich habe mich, seither, intensiver mit der Fachliteratur zu Blitzunfällen befasst, einem Gebiet, das in der allgemeinen neurochirurgischen Ausbildung nur selten ausführlich behandelt wird. Ich habe, im Rahmen dieser vertieften Beschäftigung, sogar Kontakt zu einer kleinen, internationalen Fachgruppe aufgenommen, die sich der Erforschung und Behandlung genau solcher seltener elektrischer Verletzungen widmet, ein Austausch, der mir seither bei mindestens einem weiteren, ähnlich gelagerten Fall wertvolle zusätzliche Orientierung gegeben hat.

Besonders bemerkenswert fand ich H.T.s eigene, nüchterne Beschreibung des Moments, in dem der Blitz einschlug: Er erzählte mir, er habe, für den Bruchteil einer Sekunde, „die Welt in einem gleißenden, weißen Licht” gesehen, bevor alles um ihn herum schwarz wurde, eine Erfahrung, die er, wie er mir gestand, bis heute nicht vollständig in Worte fassen könne.

Ich habe diese Beschreibung, mit seiner Erlaubnis, an einen befreundeten Neurowissenschaftler weitergegeben, der sich für die subjektive Wahrnehmung während extremer neurologischer Grenzerfahrungen interessiert, ein weiteres kleines Beispiel dafür, wie ein einzelner, außergewöhnlicher Fall manchmal über die eigentliche Behandlung hinaus wissenschaftliches Interesse wecken kann.

Ich lege H.T.s Karte zurück in den Kasten und ziehe, während draußen ein fernes Sommergewitter über den Bergen grollt, mit einem unwillkürlichen Schaudern die nächste Karte aus dem Kasten.

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