Wenn alle anderen abgelehnt haben · 3 min Lektüre
Der Mann, den drei Kliniken heimschickten
Karteikarte Nr. 082 — Datum: Winter, in meinen ersten Jahren als Chefarzt. Kürzel: H.O., 84 J. Stichwort: schwere Spinalkanalstenose, dreifach als “zu alt für eine Operation” abgelehnt, erfolgreich operiert. Notiz am Rand: “Der Kalender ist keine Diagnose.”
Der Fall
H.O. war vierundachtzig, als ihn sein Sohn, sichtlich erschöpft von einer monatelangen Odyssee, in meine Sprechstunde brachte, mit einem dicken Ordner voller Arztbriefe unter dem Arm. Sein Vater könne kaum noch mehr als zwanzig Meter am Stück gehen, litt unter starken, in beide Beine ausstrahlenden Schmerzen, die ihn zunehmend ans Haus fesselten, und war, wie sich aus den Unterlagen ergab, an drei verschiedenen Kliniken mit derselben Begründung abgewiesen worden: Das Operationsrisiko sei, bei seinem Alter, nicht mehr zu rechtfertigen. H.O. selbst saß, während sein Sohn das erzählte, aufrecht und mit wachen Augen vor mir, hörte aufmerksam zu und fügte, als sein Sohn geendet hatte, trocken hinzu: „Ich habe meinen Großvater neunzig werden sehen, meinen Vater fünfundneunzig. Ich habe noch einiges vor.”
Die Wendung
Die Bildgebung zeigte eine ausgeprägte, mehrsegmentale Spinalkanalstenose, medizinisch eindeutig behandlungsbedürftig, mit einer Operation als der Behandlungsoption, die ihm die beste Aussicht auf eine spürbare Verbesserung seiner Lebensqualität geboten hätte. Sein tatsächlicher gesundheitlicher Allgemeinzustand, den ich in einer ausführlichen internistischen und anästhesiologischen Untersuchung überprüfen ließ, war, abgesehen von der Wirbelsäulenproblematik selbst, bemerkenswert gut, deutlich besser als der mancher meiner Patienten, die zwanzig Jahre jünger waren. Ich erklärte H.O. und seinem Sohn offen, dass eine Operation in seinem Alter zweifellos ein höheres statistisches Risiko trug als bei einem jüngeren Patienten, dass dieses Risiko aber, angesichts seines guten Allgemeinzustands, vertretbar erschien, verglichen mit der Aussicht, die verbleibenden Jahre seines Lebens in zunehmender Immobilität und Schmerz zu verbringen.
Die Rettung
Wir operierten H.O. wenige Wochen später, eine Dekompression der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte, die wir bewusst so schonend wie möglich gestalteten, um die Operationsdauer und die Belastung für seinen Kreislauf zu minimieren, ohne dabei die medizinische Wirksamkeit des Eingriffs zu gefährden.
Die Operation verlief ohne Komplikationen, und bereits am ersten Tag danach saß H.O., entgegen der vorsichtigen Erwartungen des gesamten Pflegeteams, aufrecht im Bett und bestand darauf, so bald wie möglich wieder aufstehen zu dürfen, eine Beharrlichkeit, die mich an seine eigenen Worte aus unserem ersten Gespräch erinnerte.
Der Weg zurück
H.O. erholte sich in einem Tempo, das selbst mich, nach so vielen Jahren in diesem Beruf, überraschte. Innerhalb weniger Wochen konnte er wieder deutlich längere Strecken zurücklegen als vor der Operation, nahm seinen täglichen Spaziergang zu einem nahegelegenen Café wieder auf, eine Gewohnheit, die er, wie er mir bei einem späteren Kontrolltermin erzählte, seit über einem Jahr schmerzlich vermisst hatte. Sein Sohn schrieb mir, einige Monate nach der Operation, eine kurze Nachricht, in der er sich weniger für die medizinische Behandlung selbst bedankte als dafür, dass ich seinem Vater, wie er es formulierte, „die Würde zurückgegeben habe, für die eigene Zukunft noch Pläne zu machen.”
Die Nachwirkung
Dieser Fall hat mich, ähnlich wie ein vergleichbarer Fall aus meinem ersten Archiv-Band, erneut daran erinnert, wie vorsichtig wir als Ärzte sein müssen, wenn wir dazu neigen, das kalendarische Alter eines Menschen mit seiner tatsächlichen körperlichen Verfassung gleichzusetzen. H.O. lehrte mich, dass eine Zahl auf einem Ausweis niemals die ganze Geschichte eines Menschen erzählt, und dass es unsere ärztliche Pflicht ist, genauer hinzusehen, bevor wir jemandem, allein aufgrund dieser Zahl, eine Behandlung verwehren, die sein Leben grundlegend verbessern könnte.
Ich lege die Karte beiseite, höre draußen den ersten, leisen Regen des Abends gegen die Fensterscheiben schlagen, ein Geräusch, das mich für einen Moment in eine ganz andere, weit zurückliegende Erinnerung zurückversetzt: an eine Nacht, in der der Regen so heftig fiel, dass die Straßen zur Klinik kaum noch passierbar waren, und in der ich einen Anruf erhielt, der mich Jahre später noch beschäftigen sollte.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."