Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Der letzte Arbeitstag
Ich lege die Feder beiseite, gehe zum Fenster, betrachte den See, der im Dämmerlicht fast unwirklich still daliegt. Diese Karte, die ich nun beschreibe, habe ich lange vor mir hergeschoben, obwohl ich genau wusste, dass sie irgendwann an der Reihe sein würde.
Mein letzter Arbeitstag als aktiver Chirurg begann wie jeder andere: früh, mit dem vertrauten Weg durch die noch stillen Klinikflure, dem Kaffee, den ich mir, wie an jedem Morgen, vor der ersten Visite aus derselben, leicht verbeulten Kanne einschenkte. Ich hatte diesen Tag bewusst nicht als besonderen Tag ankündigen lassen, keine große Abschiedsfeier, kein offizieller letzter Auftritt, sondern einen ganz gewöhnlichen Operationstag mit drei geplanten Eingriffen, so wie ich es mir selbst gewünscht hatte: dass mein letzter Tag im OP-Saal sich in nichts von jedem anderen Tag der vorangegangenen Jahrzehnte unterscheiden sollte.
Die erste Operation jenes Tages war eine gewöhnliche Bandscheiben-OP, technisch so unkompliziert, dass ich sie, wie ich mir insgeheim eingestand, mit geschlossenen Augen hätte durchführen können, nach so vielen Jahren der Übung. Und doch spürte ich, während meine Hände die vertrauten Bewegungen ausführten, eine Art stiller, wachsender Dankbarkeit, die sich in keiner der unzähligen vorangegangenen Operationen in dieser Form eingestellt hatte, das Bewusstsein, dass ich diese besondere Verbindung zwischen meinen Händen und dem, was sie all die Jahre gelernt hatten, bald nicht mehr in dieser Form würde ausüben können.
Meine langjährige, treue OP-Schwester, deren Nachfolgerin an jenem Tag bereits eingearbeitet neben ihr stand, reichte mir, bei der letzten Naht meiner letzten Operation, wortlos das Instrument, das ich brauchte, mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit wie an jedem anderen Tag der vergangenen Jahre. Erst als ich die Handschuhe auszog, zum letzten Mal in dieser aktiven Funktion, bemerkte ich, dass sich das gesamte Team, ohne dass ich es zuvor bemerkt hatte, im OP-Saal versammelt hatte, ein stiller, respektvoller Applaus, der mich, nach all den Jahren professioneller Zurückhaltung, unerwartet tief berührte.
Ich verließ den OP-Saal an jenem Nachmittag durch dieselbe Tür, durch die ich ihn Jahrzehnte zuvor, als junger, unsicherer Assistenzarzt, zum ersten Mal betreten hatte, und blieb, für einen einzigen, stillen Moment, auf dem Flur stehen, um mir bewusst einzuprägen, wie sich dieser vertraute Ort in diesem letzten Augenblick anfühlte. Ich dachte, in diesem Moment, an all die Gesichter, die durch diesen Saal gegangen waren, an die Ängste und Hoffnungen, die ich über die Jahre begleitet hatte, und an die stille, aber tiefe Genugtuung, mit der ich auf all diese Jahre zurückblickte.
Zu Hause, an jenem Abend, öffnete meine Frau, ohne dass ich es angekündigt hatte, eine Flasche unseres besten Weins, den wir für besondere Anlässe aufbewahrten, und wir saßen, lange in die Nacht hinein, bei Kerzenlicht am Kamin, ohne viele Worte, einfach nur beieinander, in dem Bewusstsein, dass sich mit diesem Tag ein neues, unbekanntes Kapitel unseres gemeinsamen Lebens öffnete, eines, in dem ich, zum ersten Mal seit Jahrzehnten, keinen festen beruflichen Rhythmus mehr haben würde.
Ich habe diesen letzten Arbeitstag, all die Jahre seither, immer wieder als einen der bedeutsamsten meines gesamten Lebens betrachtet, nicht wegen seiner äußeren Dramatik, die es bewusst nicht gab, sondern wegen der stillen, tiefen Klarheit, mit der er mir vor Augen führte, wie viel dieser Beruf, dieses Handwerk, über all die Jahrzehnte für mich bedeutet hatte, und wie dankbar ich dafür bin, ihn bis zu diesem letzten, gewöhnlichen Tag mit voller Hingabe ausgeübt haben zu dürfen. Ich denke, wenn ich heute darauf zurückblicke, dass genau diese Gewöhnlichkeit den Tag erst zu etwas Besonderem machte: kein großer Abschied, sondern die stille Bestätigung, dass ich bis zur letzten Naht derselbe Chirurg geblieben war, der ich all die Jahre zuvor gewesen war.
Ich kehre vom Fenster zurück an meinen Schreibtisch, ziehe die nächste Karte aus dem Kasten, der sich, wie ich mit einer Mischung aus Wehmut und Vorfreude feststelle, seinem eigenen Ende nun deutlich merklich nähert.
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Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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