Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Der Läufer, der nicht aufgeben wollte
Karteikarte Nr. 042 — Datum: Zieleinlauf eines Stadtmarathons. Kürzel: P.F., 41 J. Stichwort: Kollaps kurz vor dem Ziel, altes, unbehandeltes Wirbelsäulenleiden durch extreme Belastung akut reaktiviert. Notiz: eine Finisher-Medaille, die er sich, wie er mir versicherte, “trotz allem redlich verdient” hatte.
Der Fall
P.F. war einundvierzig Jahre alt, ambitionierter Hobbyläufer mit jahrelanger Wettkampferfahrung, nur wenige hundert Meter vor dem Ziel eines anspruchsvollen Stadtmarathons, als er plötzlich zusammenbrach, mit starken Rückenschmerzen und einer rasch zunehmenden Schwäche in einem Bein. Die Streckensanitäter, die ihn umgehend versorgten, vermuteten zunächst eine ganz gewöhnliche, erschöpfungsbedingte Kreislaufschwäche, wie sie bei Langstreckenläufen nicht selten vorkommt, bis die anhaltende, sich zunehmend verschlimmernde neurologische Symptomatik einen ernsteren Hintergrund vermuten ließ.
Die Wendung
Als P.F. schließlich in unserer Notaufnahme eintraf, ergab die Bildgebung einen überraschenden, alarmierenden Befund: eine bereits seit vielen Jahren bestehende, ihm selbst nicht bekannte Instabilität eines Wirbelsäulenabschnitts, vermutlich Folge einer alten, nie richtig ausgeheilten Sportverletzung aus seiner frühen Jugend, die durch die extreme körperliche Belastung des gesamten Marathons akut symptomatisch geworden war. P.F. selbst zeigte sich, trotz seiner erheblichen Schmerzen, zunächst vor allem besorgt darüber, ob sein Lauf nun offiziell als nicht beendet gewertet würde, eine Sorge, die mich angesichts des tatsächlichen Ernstes seiner Situation zunächst sehr überraschte.
Die Rettung
Ich operierte P.F. innerhalb weniger Tage, ohne unnötige Verzögerung, eine Stabilisierung des betroffenen, seit Langem geschwächten Wirbelsäulenabschnitts, die ohne Komplikationen verlief. Ich erklärte ihm, während seiner Genesung, ausführlich und geduldig, dass die extreme Belastung des Marathons letztlich nur einen bereits lange bestehenden, unbehandelten Schwachpunkt seiner Wirbelsäule offengelegt hatte, eine Erkenntnis, die ihn, wie er mir gestand, gleichzeitig beunruhigte und erleichterte.
Der Weg zurück
P.F. erholte sich gut und vollständig von seiner Operation, und die Marathonveranstalter, denen seine ungewöhnliche Geschichte zu Ohren kam, überreichten ihm, nachträglich und außerhalb des offiziellen Reglements, dennoch eine Finisher-Medaille, in Würdigung der letzten, unter Schmerzen zurückgelegten Meter, die er, wie die Streckenaufzeichnung zeigte, tatsächlich noch bis knapp vor dem Kollaps geschafft hatte. Er kehrte, nach sorgfältiger und geduldiger Rehabilitation, zu seinem geliebten Laufsport zurück, allerdings mit einer gründlichen, verlässlichen jährlichen Wirbelsäulenkontrolle, die er sich seither, ohne Ausnahme, zur festen, verlässlichen Gewohnheit gemacht hat.
Die Nachwirkung
P.F.s Fall hat mir eindrücklich gezeigt, wie extreme sportliche Belastungen alte, unbemerkte Schwachstellen des Körpers ans Licht bringen können, die über Jahre unbemerkt geblieben waren, und wie wichtig es gerade für ambitionierte Freizeitsportler ist, frühere Verletzungen, auch scheinbar längst ausgeheilte, bei sportmedizinischen Untersuchungen konsequent zu erwähnen. Ich habe, seit diesem Fall, in meinen gelegentlichen Beratungsgesprächen mit sportlich sehr ambitionierten Patienten noch gezielter nach früheren, auch vermeintlich unbedeutenden Verletzungen aus Kindheit und Jugend gefragt, in dem Bewusstsein, dass solche alten, längst vergessenen Schwachstellen unter extremer Belastung Jahrzehnte später unerwartet wieder aufbrechen können, wie P.F.s eindrücklicher Fall zeigt.
Besonders berührt hat mich P.F.s eigene, fast schon trotzige Reaktion auf die Nachricht, dass sein Sturz keineswegs eine gewöhnliche Erschöpfung, sondern eine ernsthafte strukturelle Verletzung seiner Wirbelsäule war: Er fragte mich, noch bevor er nach den medizinischen Details fragte, ob er den Marathon damit offiziell als nicht beendet würde werten lassen müssen, eine Frage, die mir zeigte, wie tief der sportliche Ehrgeiz mancher Menschen selbst in einem Moment ernsthafter gesundheitlicher Sorge verwurzelt bleibt. Ich habe diese Beharrlichkeit, so ungewöhnlich sie mir angesichts der Umstände zunächst erschien, im Rückblick als bewundernswerten Ausdruck seines unerschütterlichen Willens verstanden, der ihm sicherlich auch während der langen Wochen seiner anschließenden Rehabilitation zugutekam.
Ich lege P.F.s Karte, versehen mit einem Foto der nachträglich überreichten Medaille, sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie diesmal für mich bereithält.
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