Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Der Kritiker auf dem Operationstisch
Karteikarte Nr. 011 — Datum: Winter, Jahre nach einer vernichtenden Rezension. Kürzel: bewusst nicht ausgeschrieben. Stichwort: ein ehemaliger, mir namentlich bekannter Literaturkritiker wird, ohne dass er es zunächst ahnt, mein eigener Patient. Notiz am Rand: “Das Leben schreibt manchmal Pointen, die selbst ich mir nicht auszudenken gewagt hätte.”
Der Fall
Ein Mann mittleren Alters wurde, mit einem akuten Bandscheibenvorfall, in unsere Notaufnahme eingeliefert, und als ich, bei der Aufnahme seiner Personalien, seinen Namen las, hielt ich für einen kurzen Moment inne: Es war derselbe Name, der unter jener vernichtenden Kritik gestanden hatte, die mich, Jahre zuvor, fast zum Aufgeben meiner schriftstellerischen Laufbahn gebracht hätte, jene Geschichte, die ich in einem früheren Kapitel dieses Bandes bereits erzählt habe. Ich stand vor der eigentümlichen Frage, ob ich ihm diese Verbindung offenbaren sollte, oder ob ich, wie es meine professionelle Pflicht gebot, seine Behandlung vollkommen unabhängig von dieser persönlichen Vorgeschichte gestalten sollte.
Die Wendung
Ich entschied mich, zunächst, seine Behandlung mit derselben professionellen Sorgfalt zu beginnen, die ich jedem anderen Patienten entgegenbringe, ohne die Verbindung zu jener alten Kritik zu erwähnen, weil ich der festen Überzeugung war, dass persönliche Kränkungen aus der Vergangenheit in der akuten medizinischen Versorgung keinen Platz haben durften. Während der Voruntersuchung erkannte auch er, nach einem Blick auf mein Namensschild und einem kurzen, nachdenklichen Zögern, wer ich war, und ich sah, wie eine sichtliche Unsicherheit über sein Gesicht huschte, offenbar in der Erwartung, ich könnte ihm seine damalige Kritik nachtragen.
Die Rettung
Ich operierte ihn, mit derselben Sorgfalt und Konzentration, die ich jedem anderen Patienten zuteilwerden lasse, eine Entfernung des vorgefallenen Bandscheibenmaterials, die ohne Komplikationen verlief. Nach der Operation, während seiner Genesung, sprach ich ihn schließlich selbst auf jene alte Kritik an, nicht aus Groll, sondern aus echter Neugier, wie er selbst, nach so vielen Jahren, darüber dachte. Er gestand mir, mit spürbarer Erleichterung über meine offene, unaufgeregte Art, dass er jene Kritik im Rückblick als zu hart empfand, geschrieben in einer persönlich schwierigen Lebensphase, die seine eigene Wahrnehmung damals verzerrt hatte.
Der Weg zurück
Der ehemalige Kritiker erholte sich gut von seiner Operation, und aus unserer ungewöhnlichen, von der Vergangenheit belasteten Begegnung entwickelte sich, zu meiner eigenen Überraschung, ein respektvoller, gelegentlicher Austausch, der bis heute anhält. Er schrieb mir, einige Monate nach seiner Genesung, eine kurze, aber aufrichtige Nachricht, in der er mir mitteilte, dass er meine neueren Werke, ohne meinen Namen im Voraus zu kennen, tatsächlich mit echtem Wohlwollen gelesen habe.
Die Nachwirkung
Diese Begegnung hat mir gezeigt, dass selbst die schmerzhaftesten beruflichen Enttäuschungen, gegeben genug Zeit und die richtige Gelegenheit, eine unerwartet versöhnliche Wendung nehmen können, und dass professionelle Integrität, gerade in einem Moment persönlicher Versuchung, sich als der klügere Weg erweist. Ich habe diese Geschichte, mit seiner
ausdrücklichen Erlaubnis, in dieses Archiv aufgenommen, als eine der ungewöhnlichsten Verbindungen zwischen meinen beiden Leben, dem des Chirurgen und dem des Autors. Ich frage mich manchmal, wie unsere Begegnung verlaufen wäre, hätte ich mich, in jenem ersten Moment des Wiedererkennens, für einen anderen, weniger professionellen Umgang entschieden, und bin, im Rückblick, dankbar für die klare, in mir tief verwurzelte Überzeugung, dass die Rolle des Arztes niemals mit persönlichen Rechnungen vermischt werden darf, gleich wie berechtigt der Anlass für eine solche Rechnung erscheinen mag.
Meine Frau, der ich diese Geschichte noch am Abend seiner Entlassung erzählte, lachte, wie ich es selten bei ihr erlebt habe, über die schiere Ironie dieser Fügung, und meinte schließlich, mit einem Augenzwinkern, dass ich diese Geschichte unbedingt einmal aufschreiben müsse, „auch wenn dir vermutlich niemand glauben wird, dass sich so etwas wirklich zugetragen hat.” Nun, liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben gerade genau diese Geschichte gelesen, und ich versichere Ihnen, jedes Wort davon hat sich, in seinem wesentlichen Kern, tatsächlich so zugetragen.
Ich lege diese Karte, ohne einen Namen, aber mit einer besonderen stillen Genugtuung versehen, zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt auf ihre eigene, noch unbekannte Geschichte.
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Weiterlesen im Journal
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