Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre

Der Klettersteig

Karteikarte Nr. 114 — Datum: Spätsommer, an einem beliebten, aber anspruchsvollen Klettersteig. Kürzel: F.O., 34 J. Stichwort: Sturz an einer überhängenden Passage, Verletzung trotz gesicherter Ausrüstung, technisch anspruchsvolle Bergung aus einer Felswand. Notiz: ein kleines Stück des durchgescheuerten Sicherungsseils.

Der Fall

F.O. war vierunddreißig Jahre alt, ein erfahrener und umsichtiger Klettersteiggeher, der an einem der anspruchsvollsten Klettersteige unserer Region unterwegs war, ordnungsgemäß mit einem Klettersteigset gesichert, als sich ein Karabiner an einer überhängenden Passage durch eine bis dahin unbemerkte Materialschwäche löste, gerade in dem Moment, in dem er sich neu positionierte. Er stürzte mehrere Meter tief, bis ihn das zweite, glücklicherweise intakte Sicherungselement seines Klettersteigsets abrupt abfing, ein Ruck, der zwar seinen weiteren Absturz verhinderte, ihm aber, durch die plötzliche, harte Abbremsung, eine schwere Wirbelsäulenverletzung zufügte. Er hing, bei vollem Bewusstsein, aber mit einer zunehmenden Taubheit in beiden Beinen, freischwebend an der Felswand, weit oberhalb des nächsten sicheren Standplatzes.

Die Wendung

Die alarmierte Bergrettung stand vor einer doppelten Herausforderung: F.O. musste, angesichts des Verdachts auf eine Wirbelsäulenverletzung, mit äußerster Vorsicht geborgen werden, um eine weitere Schädigung des möglicherweise bereits komprimierten Rückenmarks zu vermeiden, gleichzeitig erforderte seine exponierte Position in der überhängenden Felswand eine technisch hochkomplexe Rettungskletterei, bei der die Retter selbst erheblichen Risiken ausgesetzt waren.

Ich stand, während dieser gesamten, äußerst angespannten Bergung, in telefonischem Kontakt mit dem Einsatzleiter, beriet ihn ausführlich zur bestmöglichen Immobilisierung unter den gegebenen, denkbar schwierigen Umständen einer freihängenden Rettung in exponiertem, überhängendem Gelände, wobei ich mir der besonderen Grenzen bewusst war, die eine solche Fernberatung ohne eigene Anwesenheit vor Ort zwangsläufig mit sich bringt.

Die Rettung

Die Bergrettung gelang, nach knapp zwei angespannten, kräftezehrenden Stunden, F.O. mit einer speziellen, für Felswandbergungen entwickelten Trage zu sichern und ihn, unter größtmöglicher Schonung seiner Wirbelsäule, kontrolliert abzuseilen, bevor der bereitstehende Rettungshubschrauber ihn rasch direkt zu uns in die Klinik brachte. Die Bildgebung bestätigte einen Wirbelbruch mit beginnender Kompression des Rückenmarks, den ich noch am selben Abend sorgfältig operativ stabilisierte und entlastete, eine Operation, die von der stillen Anspannung begleitet war, zu erfahren, ob die außergewöhnlich komplizierte, zeitaufwendige Bergung bereits zu einer irreversiblen Verschlechterung geführt hatte.

Der Weg zurück

F.O.s Beinfunktion besserte sich, in den Wochen nach der Operation, kontinuierlich und stetig zunehmend, bis er, nach einer intensiven, mehrmonatigen Rehabilitation, wieder weitgehend uneingeschränkt gehen konnte. Er kehrte, entgegen den anfänglichen Erwartungen mancher seiner Freunde, tatsächlich zum Klettern zurück, wenn auch, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin erzählte, „mit einer neuen, fast schon religiösen Gründlichkeit bei der Materialkontrolle vor jeder einzelnen Tour.” Er schenkte mir ein kleines Stück des durchgescheuerten Sicherungsseils, das die Bergrettung als Beweisstück für die spätere Untersuchung des Materialversagens sichergestellt hatte.

Die Nachwirkung

F.O.s Fall hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie eng bei bestimmten alpinen Rettungseinsätzen die medizinische Versorgung mit hochkomplexer technischer Bergungsarbeit verzahnt ist, und wie sehr der Erfolg einer solchen Rettung von der nahtlosen Zusammenarbeit zwischen Medizin und alpiner Rettungstechnik abhängt, zwei Disziplinen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben scheinen und die sich doch, in solchen Momenten, untrennbar ergänzen müssen.

Ich habe seither, gemeinsam mit der örtlichen Bergrettung, mehrere gemeinsame Übungen absolviert, bei denen wir genau solche Szenarien, die Bergung eines wirbelsäulenverletzten Patienten aus exponiertem Gelände, gezielt trainierten, in der festen Überzeugung, dass jede Minute, die wir bei einer echten Rettung durch eingeübte Abläufe einsparen können, dem betroffenen Patienten unmittelbar zugutekommt.

Ich lege das kleine Stück Seil zu meinen anderen Erinnerungsstücken, ein stilles Mahnmal an die Zerbrechlichkeit selbst der sorgfältigsten Sicherungen, und ziehe, mit einem nachdenklichen Blick auf die scharfen, durchgescheuerten Fasern, die nächste Karte aus dem Kasten.

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