Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Kaminkehrer

Karteikarte Nr. 086 — Datum: Neujahrsmorgen. Kürzel: F.S., 31 J., Schornsteinfeger. Stichwort: Sturz vom Dach bei einem traditionellen Neujahrs-Einsatz, Wirbelbruch, Ziel: rechtzeitige Rückkehr zum Beruf des “Glücksbringers”. Notiz am Rand: “Der Mann, der anderen Glück bringt, brauchte an diesem Tag selbst welches.”

Der Fall

F.S. war einunddreißig, Schornsteinfeger in dritter Generation, und stand, wie es in manchen Gegenden noch Tradition ist, am Neujahrsmorgen auf den Dächern seines Kehrbezirks, um den Bewohnern, in schwarzer Uniform mit goldenen Knöpfen, symbolisch Glück fürs neue Jahr zu bringen. Bei einem vereisten Dachziegel, den der nächtliche Frost tückisch glatt gemacht hatte, verlor er den Halt und stürzte mehrere Meter auf eine gepflasterte Hofeinfahrt. Die Hausbewohnerin, die ihn kurz zuvor noch fröhlich begrüßt hatte, fand ihn wenige Minuten später bewusstlos vor ihrer Tür und alarmierte, wie sie mir später erzählte, „mit zitternden Händen, weil ausgerechnet der Glücksbringer selbst so viel Pech gehabt hatte.”

Die Wendung

Die Bildgebung zeigte einen Bruch im Bereich der unteren Brustwirbelsäule, mit einer beginnenden, glücklicherweise nicht vollständigen neurologischen Beeinträchtigung. F.S., kaum aus der ersten Benommenheit erwacht, äußerte, noch bevor er nach seiner eigentlichen Prognose fragte, eine ganz andere Sorge: Als selbstständiger Kaminkehrer mit einer festen Kundschaft, die auf ihn und seine traditionellen Neujahrsbesuche zählte, fürchtete er weniger um seine Gesundheit als um seinen Betrieb, den er allein führte, ohne Angestellte, die in seiner Abwesenheit hätten einspringen können. „Wenn ich zu lange ausfalle, verliere ich die Hälfte meiner Kunden an die Konkurrenz”, erklärte er mir, mit einer für seinen Zustand bemerkenswerten Nüchternheit, die mich zugleich beeindruckte und ein wenig besorgte.

Die Rettung

Wir operierten ihn noch am selben Tag, stabilisierten den betroffenen Wirbelsäulenabschnitt mit Schrauben und Stäben, mit besonderem Augenmerk darauf, ihm eine möglichst zügige, aber sichere Rückkehr zu einem körperlich sehr fordernden Beruf zu ermöglichen, der, anders als viele Bürotätigkeiten, kaum Kompromisse bei der vollen Beweglichkeit des Rückens erlaubt. Ich besprach ausführlich mit ihm, welche spezifischen Bewegungen und Belastungen seine berufliche Tätigkeit mit sich brachte, das Klettern über steile Dächer, das Arbeiten in gebückter Haltung in engen Kaminschächten, um die Operation und die anschließende Rehabilitation so gezielt wie möglich auf seine tatsächlichen beruflichen Anforderungen abzustimmen.

Der Weg zurück

F.S. durchlief eine intensive, auf seine spezifischen beruflichen Bewegungsabläufe zugeschnittene Rehabilitation, die er mit einer Disziplin verfolgte, die mich an andere, ähnlich zielstrebige Patienten erinnerte, deren Geschichten ich bereits erzählt habe. Er kehrte, rechtzeitig zum folgenden Jahreswechsel, tatsächlich wieder auf die Dächer seines Kehrbezirks zurück, diesmal, wie er mir mit einem breiten Grinsen berichtete, mit deutlich rutschfesterem Schuhwerk und einer zusätzlichen Sicherungsleine, die er sich, nach seinem Sturz, endlich angewöhnt hatte, obwohl seine eigene Zunft solche Vorsichtsmaßnahmen traditionell eher belächelte.

Die Nachwirkung

F.S.s Geschichte hat mich, trotz oder gerade wegen ihres leichteren Tons, daran erinnert, wie eng bei manchen Berufen die eigene Existenz mit der uneingeschränkten körperlichen Funktionsfähigkeit verknüpft ist, und wie wichtig es ist, diese individuelle berufliche Realität bei jeder Behandlungsplanung von Anfang an mitzudenken, statt sich allein auf allgemeine medizinische Standardprotokolle zu verlassen. Ich habe seither, bei vergleichbaren Fällen körperlich fordernder Handwerksberufe, stets versucht, mir genau vorführen zu lassen, welche konkreten Bewegungen der jeweilige Beruf tatsächlich verlangt, statt mich auf eine allgemeine Berufsbezeichnung in der Patientenakte zu verlassen, die solchen Feinheiten selten gerecht wird.

Er schickte mir, zum folgenden Jahreswechsel, eine kleine, traditionelle Schornsteinfeger-Glücksbringerfigur aus Marzipan, mit der Bitte, sie möge auch mir im neuen Jahr Glück bringen, eine Geste, die mich, angesichts dessen, was er selbst an jenem Neujahrsmorgen erlebt hatte, besonders berührte. Ich lächle, während ich die Karte zurücklege, und greife nach der nächsten, die mich, mit einem einzigen fremdsprachigen Wort versehen, in eine ganz andere, weit entfernte Erinnerung zurückversetzt.

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