Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Kalender
Karteikarte Nr. 088 — Datum: Frühling. Kürzel: M.R., 10 J. Stichwort: Skoliose-Operation, selbstgebastelter “Fast-geschafft”-Countdown-Kalender, später von der gesamten Kinderstation übernommen. Notiz, in kindlicher Schrift: “Für alle, die auch Angst haben.”
Der Fall
M.R. war zehn Jahre alt, als bei ihr eine ausgeprägte Skoliose diagnostiziert wurde, die eine größere operative Korrektur ihrer Wirbelsäule erforderlich machte, ein Eingriff, vor dem sich, wie ich aus Erfahrung wusste, selbst viele erwachsene Patienten fürchten. M.R. reagierte auf die Ankündigung der bevorstehenden Operation zunächst mit stillem Rückzug, sprach kaum noch mit den Pflegekräften, aß wenig, bis ihre Mutter mir, wenige Tage vor dem geplanten Eingriff, erzählte, dass ihre Tochter angefangen habe, heimlich in ihrem Zimmer zu malen, stundenlang, ohne zu erklären, woran sie eigentlich arbeitete.
Die Wendung
Am Abend vor der Operation brachte M.R. mir, sichtlich nervös, aber entschlossen, ein selbstgebasteltes Blatt Papier, auf das sie dreißig kleine Kästchen gemalt hatte, jedes davon mit einem eigenen kleinen Bild versehen, einer Sonne, einem lachenden Gesicht, einem Regenbogen, und erklärte mir, mit einem Ernst, der weit über ihr Alter hinauszugehen schien, dass sie sich diesen Kalender selbst ausgedacht habe, um die Tage bis zu ihrer vollständigen Genesung zu zählen, „damit die Angst kleiner wird, wenn man weiß, wie viele Tage noch kommen.” Ich war von dieser eigenständigen, kindlichen Bewältigungsstrategie tief berührt und fragte sie, ob ich eine Kopie ihres Kalenders für andere Kinder auf unserer Station anfertigen lassen dürfe, eine Frage, die sie, nach kurzem, ernsthaftem Nachdenken, mit einem entschlossenen Nicken bejahte.
Die Rettung
Die Operation selbst, eine mehrstündige Korrektur der Wirbelsäulenkrümmung mittels Stäben und Schrauben über mehrere Wirbelsegmente, verlief technisch wie geplant, ohne Komplikationen. Doch der eigentlich bemerkenswerte Teil dieser Geschichte begann erst danach: Mit M.R.s ausdrücklicher Erlaubnis ließ unsere Stationsleitung ihren Kalender, leicht angepasst und mit ihrem Einverständnis um ein paar zusätzliche, von ihr selbst vorgeschlagene Motive ergänzt, in größerer Auflage kopieren, um ihn künftig jedem Kind auszuhändigen, das vor einer größeren Operation stand.
Der Weg zurück
M.R. erholte sich gut von ihrer eigenen Operation, kehrte innerhalb weniger Monate zu einem weitgehend normalen Alltag zurück, mit einer deutlich verbesserten Körperhaltung, die auch ihr Selbstbewusstsein, wie ihre Mutter mir berichtete, spürbar stärkte. Weit über ihre eigene Genesung hinaus aber wurde ihr kleiner Kalender, in den folgenden Jahren, zu einer festen Institution auf unserer Kinderstation, wo ihn Pflegekräfte, ohne dass es dafür eine offizielle Anordnung gebraucht hätte, jedem verängstigten Kind vor einer größeren Operation überreichten, oft mit den Worten: „Das hat sich ein Mädchen ausgedacht, dem es genauso ging wie dir.”
Die Nachwirkung
M.R.s Geschichte hat mir gezeigt, dass manchmal die wirksamsten Instrumente der Krankenhauspsychologie nicht von geschulten Fachleuten entwickelt werden, sondern von den Patienten selbst, aus einer unmittelbaren, ungefilterten Not heraus, die Erwachsene oft längst verlernt haben, so einfach und direkt auszudrücken. Ich habe seither, bei der Gestaltung unserer Kinderstation, versucht, mehr Raum für genau solche eigenständigen, kindlichen Bewältigungs-strategien zu schaffen, anstatt ausschließlich auf von uns vorgegebene Konzepte zu setzen.
Wir richteten, einige Monate später, sogar eine kleine „Bastelecke” auf der Station ein, in der Kinder vor größeren Eingriffen ausdrücklich ermutigt wurden, sich eigene kleine Rituale und Erinnerungsstücke zu schaffen, eine Idee, die, wie ich es der gesamten Station gegenüber offen zugab, letztlich vollständig auf M.R.s ursprünglichen Einfall zurückging.
Ich bewahre eines der ersten Exemplare von M.R.s Kalender, mit ihrer eigenhändigen Widmung „Für alle, die auch Angst haben” versehen, zusammen mit den anderen kleinen Schätzen in meinem Archiv auf.
Draußen ist es dunkel geworden, ich höre die Turmuhr des nahegelegenen Dorfes zwölf Schläge zählen, und greife, trotz der fortgeschrittenen Stunde, noch nach einer letzten Karte für diesen Abend.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."