Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Junge, der wieder laufen lernte

Karteikarte Nr. 153 — Datum: über beinahe zwei Jahre verfolgt. Kürzel: D.M., 9 J. bei Erstvorstellung. Stichwort: schwere Rückenmarksverletzung nach einem Verkehrsunfall, vollständige Lähmung beider Beine, langer, von Rückschlägen geprägter Weg zur teilweisen Gehfähigkeit. Notiz: ein Paar winzige, längst zu klein gewordene Kinderschuhe, “die ersten, mit denen ich wieder laufen konnte”.

Der Fall

D.M. war neun Jahre alt, als er bei einem Verkehrsunfall, bei dem er als Fußgänger von einem abbiegenden Fahrzeug erfasst wurde, eine schwere Rückenmarksverletzung erlitt, die zu einer vollständigen Lähmung beider Beine führte. Seine Eltern saßen mir, in den Tagen nach der Notfalloperation, mit einer Mischung aus Hoffnung und tiefer Verzweiflung gegenüber, während ich ihnen die ehrliche, aber schwer zu ertragende Einschätzung geben musste, dass eine vollständige Wiederherstellung seiner Beinfunktion angesichts des Ausmaßes der Verletzung alles andere als sicher war.

Die Wendung

Die Notfalloperation, eine Entlastung und Stabilisierung der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte, verlief technisch erfolgreich, doch die eigentliche, viel längere Geschichte begann erst danach: eine über Monate, schließlich über fast zwei Jahre andauernde Rehabilitation, geprägt von kleinen Fortschritten, ebenso häufigen Rückschlägen und der immer wiederkehrenden Frage, wie weit sich D.M.s Rückenmark tatsächlich erholen würde. Ich begleitete diese lange Zeit mit regelmäßigen Kontrolluntersuchungen, in denen wir gemeinsam, Schritt für Schritt, jede noch so kleine Veränderung seiner neurologischen Funktion dokumentierten.

Die Rettung

Es gab, in diesem Fall, keinen einzelnen, dramatischen Rettungsmoment, sondern eine lange Kette kleiner, hart erarbeiteter Fortschritte: das erste, wieder spürbare Kribbeln in einem Zeh, die ersten, noch unsicheren Bewegungen eines Fußes, schließlich die ersten, von einem speziellen Gehgestell unterstützten Schritte. D.M.s Eltern und sein gesamtes Rehabilitationsteam feierten jeden dieser kleinen Meilensteine mit einer Hingabe, die mich, bei jedem meiner Kontrollbesuche, aufs Neue berührte.

Der Weg zurück

Nach fast zwei Jahren intensiver, von bemerkenswerter Ausdauer geprägter Rehabilitation erreichte D.M. schließlich einen Zustand, den zu Beginn kaum jemand für möglich gehalten hätte: Er konnte, mit Unterstützung leichter Beinorthesen, wieder selbstständig laufen, wenn auch mit einem veränderten, vorsichtigeren Gangbild als vor dem Unfall. Seine Mutter brachte mir, an dem Tag, an dem er diese Fähigkeit endgültig gefestigt hatte, ein Paar winzige, längst zu klein gewordene Kinderschuhe mit, die ersten, mit denen er, Monate zuvor, seine allerersten eigenständigen Schritte gewagt hatte.

Die Nachwirkung

D.M.s Geschichte gehört zu jenen in meinem Archiv, die mir am eindrücklichsten zeigen, dass manche der größten Wunder unserer Arbeit nicht in einem einzigen, dramatischen Moment im OP-Saal geschehen, sondern in der stillen, beharrlichen Ausdauer eines Kindes und seiner Familie über Monate und Jahre hinweg. Ich habe D.M.s Fall, all die Jahre über, als eines der eindrücklichsten Beispiele dafür in Erinnerung behalten, wie viel menschlicher Wille zur eigentlichen medizinischen Behandlung hinzukommen muss, damit aus einer ungewissen Prognose am Ende doch noch eine Erfolgsgeschichte wird. Ich habe, seither, bei ähnlich schweren kindlichen Rückenmarksverletzungen, versucht, den Eltern von Anfang an ehrlich zu vermitteln, dass der Weg lang und von Rückschlägen geprägt sein kann, aber dass genau diese Fälle, in denen niemand vorschnell aufgibt, manchmal zu den bewegendsten Genesungsgeschichten führen, die unser Fach überhaupt kennt.

D.M. selbst, inzwischen ein junger Erwachsener, besucht mich noch heute gelegentlich, meist zu seinem Geburtstag, der zufällig in dieselbe Jahreszeit fällt wie der Tag seines Unfalls. Bei unserem letzten Treffen erzählte er mir, mit einem Lächeln, das die Jahre der Mühe kaum noch erkennen ließ, dass er inzwischen selbst begonnen habe, sich für ein Studium im Bereich der Physiotherapie zu interessieren, „weil ich weiß, wie viel ein guter Therapeut für einen Menschen bedeuten kann.” Diese Nachricht hat mich, mehr als fast jede andere in meiner gesamten Laufbahn, mit stiller Freude erfüllt.

Ich halte die winzigen Kinderschuhe behutsam in der Hand, bevor ich sie zu meinen kostbarsten Erinnerungsstücken lege und die nächste, vorletzte Karte aus dem Kasten ziehe.

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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."