Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Der Imker, der zweimal stach
Karteikarte Nr. 056 — Datum: Hochsommer, während der Honigernte. Kürzel: F.T., 49 J., Imker. Stichwort: Sturz von einer Leiter beim Aufstellen eines neuen Bienenstocks, kombinierte Verletzung aus Wirbelbruch und mehreren Bienenstichen. Notiz: ein kleines Glas selbst geernteten Honigs, das F.T. mir nach seiner Genesung brachte.
Der Fall
F.T. war neunundvierzig Jahre alt, erfahrener und leidenschaftlicher Hobbyimker mit mehreren gut etablierten Bienenstöcken auf seinem eigenen Grundstück, als er beim Aufstellen eines neuen, zusätzlichen Bienenstocks von einer Leiter stürzte und sich dabei einen Wirbelbruch zuzog. Der Sturz selbst löste zusätzlich eine Unruhe unter seinen Bienenvölkern aus, sodass er, bereits am Boden liegend und schmerzgeplagt, mehrere Bienenstiche erlitt, bevor ihn seine Frau, alarmiert durch seine Rufe, bergen und den Rettungsdienst verständigen konnte.
Die Wendung
Als F.T. in unserer Notaufnahme eintraf, mussten wir, neben seiner eigentlichen Wirbelsäulenverletzung, auch die möglichen Folgen der mehrfachen Bienenstiche berücksichtigen, insbesondere die Frage, ob bei ihm eine bislang unbekannte allergische Reaktion vorliegen könnte, eine zusätzliche diagnostische Vorsicht, die sich bei ihm glücklicherweise als unbegründet erwies, da er, wie er selbst versicherte, in seinen Jahrzehnten als Imker bereits unzählige Stiche ohne besondere Reaktion überstanden hatte.
Die Rettung
Ich operierte F.T. innerhalb weniger Tage, ohne unnötige Verzögerung, eine Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne Komplikationen verlief. Während seiner Genesung erzählte er mir, mit einem gewissen Galgenhumor, dass ihn seine eigenen Bienen, denen er seit Jahrzehnten mit großer Sorgfalt diene, ausgerechnet in seinem verletzlichsten Moment gestochen hätten, eine Ironie, über die wir beide, trotz der Ernsthaftigkeit seiner Verletzung, gemeinsam lachen konnten.
Der Weg zurück
F.T. erholte sich gut und vollständig von seiner Operation, und nach sorgfältiger, geduldiger Rehabilitation kehrte er, mit einer neuen, deutlich stabileren Aufstiegshilfe anstelle seiner alten, inzwischen entsorgten Leiter, zu seiner geliebten Imkerei zurück. Er brachte mir, bei seinem letzten, sehr herzlichen Kontrolltermin, ein kleines Glas seines eigenen, besonders aromatischen Honigs mit, den er, wie er mir mit einem verschmitzten Augenzwinkern erklärte, „von genau jenen Bienen, die mich damals so schmerzhaft gestochen haben.”
Die Nachwirkung
F.T.s Fall gehört, nach mehreren ernsteren Karten in Folge, zu jenen leichteren, aber dennoch lehrreichen Geschichten meines Archivs, die mir zeigen, wie sich selbst in einem ernsten medizinischen Kontext manchmal ein Augenzwinkern findet, das den Umgang mit einer schwierigen Situation erleichtert. Ich habe, seit diesem Fall, mit besonderem Interesse die Grundlagen der Bienenkunde studiert, ein Thema, das mir zuvor nur am Rande begegnet war, das mich aber, angesichts F.T.s offensichtlicher Leidenschaft für seine Bienenvölker, seither fasziniert, insbesondere die komplexe soziale Organisation eines Bienenstocks, die F.T. mir, während seiner Genesung, mit spürbarer Begeisterung erklärte.
F.T. lud mich, im folgenden Spätsommer, zu einer kleinen, privaten Führung durch seine Imkerei ein, bei der ich, mit gebührendem Respekt und einem eigens für mich bereitgestellten Schutzanzug, seine verschiedenen Bienenstöcke aus nächster Nähe betrachten konnte. Ich verstand, während dieser Führung, noch besser als durch jedes unserer vorangegangenen Gespräche, welch tiefe, fast meditative Verbundenheit F.T. zu seinen Bienenvölkern entwickelt hatte, eine Verbundenheit, die ihn, wie er mir versicherte, auch nach jenem schmerzhaften Doppelunfall nicht im Geringsten von seiner Leidenschaft abbrachte.
Ich denke, wenn ich das kleine Glas seines Honigs betrachte, das noch immer in meinem Küchenschrank steht, oft mit einem Lächeln an unsere gemeinsamen Gespräche über die erstaunliche Komplexität eines Bienenstocks zurück, ein kleines, aber bezeichnendes Beispiel dafür, wie meine Arbeit als Arzt mich immer wieder mit faszinierenden, mir zuvor vollkommen fremden Welten in Berührung bringt, weit über die eigentliche medizinische Behandlung meiner Patienten hinaus.
Ich öffne das kleine Glas seines aromatischen Honigs, koste vorsichtig einen Löffel, und ziehe, mit einem zufriedenen Lächeln, die nächste Karte aus dem Kasten.
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