Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Imker
Karteikarte Nr. 121 — Datum: Frühsommer, zur Zeit des Schwärmens. Kürzel: H.G., 67 J., Imker. Stichwort: Nervenschädigung an der Hand nach Sturz, Bedrohung der für die Bienenpflege notwendigen ruhigen Feinmotorik. Notiz: ein kleines Glas selbst geernteten Honigs, mit handgeschriebenem Etikett.
Der Fall
H.G. war siebenundsechzig Jahre alt, seit über vierzig Jahren leidenschaftlicher Imker mit mehreren Dutzend eigenen Bienenvölkern, als ein Sturz von einer Leiter, die er regelmäßig zum Erreichen eines hoch angebrachten Bienenstocks nutzte, eine Nervenschädigung an seiner rechten Hand verursachte. „Bienen spüren jede kleinste Unruhe in der Hand”, erklärte er mir bei unserem ersten Gespräch, mit einem Ernst, der mich an einen anderen Patienten erinnerte, dessen Geschichte ich bereits erzählt habe. „Wenn meine Hand zittert, werden die Völker sofort unruhig, und unruhige Völker stechen.” Für H.G. bedeutete die drohende bleibende Einschränkung seiner Handfunktion nicht nur eine gewöhnliche körperliche Beeinträchtigung, sondern eine direkte, existenzielle Gefährdung seiner über Jahrzehnte sorgfältig aufgebauten Beziehung zu seinen Bienenvölkern.
Die Wendung
Die Untersuchung zeigte eine deutliche Schädigung eines peripheren Nervs, die eine operative Entlastung dringend erforderlich machte, um die feine, ruhige Beweglichkeit seiner Hand bestmöglich und so vollständig wie möglich wiederherzustellen. Ich ließ mir von H.G., ähnlich wie bei anderen Patienten mit hochspezifischen Anforderungen an ihre Feinmotorik, genau und ausführlich beschreiben, welche Bewegungen die Arbeit mit seinen Bienenvölkern tatsächlich erforderte, das behutsame Anheben der schweren Waben, das ruhige, kontrollierte Führen des Smokers, Handgriffe, die, wie er mir eindrücklich und mit leuchtenden Augen erklärte, absolute Ruhe und höchste Präzision verlangten, weil jede hektische, unbedachte Bewegung die gesamte Kolonie augenblicklich in Alarmbereitschaft versetzen konnte.
Die Rettung
Die Operation, eine mikrochirurgische Entlastung des betroffenen Nervs, verlief ohne jegliche Komplikationen und mit der von uns erhofften Präzision. Ich besprach mit H.G. im Anschluss ausführlich einen speziell auf seine individuellen Bedürfnisse zugeschnittenen Rehabilitationsplan, der schrittweise von einfachen Greifübungen bis hin zu den tatsächlich für die Bienenpflege notwendigen, ruhigen Feinbewegungen führte, in enger, kontinuierlicher Abstimmung mit unserer Physiotherapie, die sich in diesem speziellen, ungewöhnlichen Fall auf ein für sie gänzlich neues Anwendungsgebiet einstellen musste.
Der Weg zurück
H.G. arbeitete mit bemerkenswerter Geduld und Ausdauer an seiner Genesung, übte zunächst an leeren, dann an schrittweise befüllten Waben, bevor er sich, rechtzeitig zur Hauptschwarmzeit im folgenden Frühsommer, mit spürbarer Vorfreude wieder an seine eigenen, geliebten Bienenvölker wagte. Er berichtete mir, bei seinem letzten Kontrolltermin, mit sichtlichem Stolz, dass seine Bienen „keinerlei Unruhe mehr” in seiner Hand spürten, ein Umstand, den er als das eigentliche, für ihn persönlich bedeutsamste Maß seiner vollständigen Genesung betrachtete, wichtiger noch als jede standardisierte medizinische Funktionsprüfung.
Die Nachwirkung
H.G.s Fall gehört zu jenen Geschichten in meinem Archiv, die mir immer wieder zeigen, wie eng manche Berufe und Leidenschaften mit einer ganz spezifischen, kaum in Worte zu fassenden körperlichen Ruhe verbunden sind, und wie wichtig es ist, diese individuelle Definition von Genesung ernst zu nehmen, auch wenn sie sich, wie in H.G.s Fall, letztlich am Verhalten von Bienenvölkern bemisst statt an einer üblichen medizinischen Funktionsskala. Ich habe, seit diesem Fall, ein besonderes Interesse an der Imkerei entwickelt, ließ mir von H.G. bei einem späteren Besuch sogar aus sicherer Entfernung einen seiner ruhigsten Bienenstöcke zeigen, ein Erlebnis, das mir noch einmal auf eindrückliche, fast schon greifbare Weise vor Augen führte, wovon er in unseren Gesprächen die ganze Zeit gesprochen hatte: jene besondere, fast meditative Ruhe, die zwischen einem erfahrenen Imker und seinen Völkern entsteht.
Ich öffne das kleine Glas Honig, das H.G. mir schenkte, koste einen Löffel voll, während ich diese Zeilen an meinem Schreibtisch schreibe, und ziehe, mit dem süßen Geschmack noch auf der Zunge, die nächste Karte aus dem Kasten.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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