Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Hund, der zweimal rettete

Karteikarte Nr. 029 — Datum: Suchaktion nach einem vermissten Wanderer. Kürzel: K.L., 38 J., Rettungshundeführerin. Stichwort: Sturz während eines Sucheinsatzes, während der eigenen Rettung führte ihr Hund die Retter zu einem zweiten, bis dahin unentdeckten Vermissten. Notiz: eine kleine, laminierte Fotografie ihres Rettungshundes.

Der Fall

K.L. war achtunddreißig Jahre alt, erfahrene Rettungshundeführerin, mitten in einer groß angelegten Suchaktion nach einem vermissten Wanderer in unwegsamem, felsigem Gelände, als sie selbst, beim Überqueren eines rutschigen Abhangs, stürzte und sich dabei eine Wirbelsäulenverletzung zuzog. Ihr Rettungshund, ein erfahrener, hochtrainierter Such- und Rettungshund, blieb, entgegen seiner eigentlichen Ausbildung, zunächst bei ihr, bevor er, wie es sich später herausstellte, eigenständig losrannte, um Hilfe zu holen, ein Verhalten, das die alarmierte Bergrettung zunächst irritierte.

Die Wendung

Der Hund führte die eintreffenden Rettungskräfte jedoch nicht direkt zu K.L., sondern zunächst zu einer nahegelegenen Felsspalte, in der sich, wie sich zur großen Überraschung aller Beteiligten herausstellte, der ursprünglich gesuchte, vermisste Wanderer befand, unterkühlt, aber lebend. Erst nachdem dieser erste, unerwartete Fund gesichert war, führte derselbe Hund, mit unbeirrbarer Zielstrebigkeit, die Rettungskräfte zu seiner eigenen, verletzten Hundeführerin zurück, eine Doppelrettung, die selbst erfahrene Mitglieder der Bergrettung als außergewöhnlich bezeichneten.

Die Rettung

K.L. wurde, nach ihrer Bergung, mit einer Wirbelsäulenverletzung in unsere Klinik gebracht, wo ich sie noch am selben Abend operierte, eine Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne Komplikationen verlief. Der ursprünglich vermisste Wanderer, der durch K.L.s Hund gefunden worden war, wurde parallel in einer anderen Abteilung unserer Klinik wegen seiner Unterkühlung behandelt, und beide Patienten, so unterschiedlich ihre jeweiligen Verletzungen auch waren, verband fortan eine besondere, durch diesen einen Hund geknüpfte Geschichte.

Der Weg zurück

K.L. erholte sich gut und rasch von ihrer Operation, und ihr Hund, dessen außergewöhnliche Leistung an jenem Tag in der regionalen Presse große Beachtung fand, wurde von der Bergrettung offiziell für seinen selbstständigen, doppelten Rettungseinsatz gewürdigt. K.L. besuchte mich, gemeinsam mit ihrem vierbeinigen Partner, zu ihrem letzten Kontrolltermin, und ich hatte die besondere Gelegenheit, jenen Hund, dessen Geschichte mich tief beeindruckt hatte, persönlich kennenzulernen.

Die Nachwirkung

K.L.s Fall gehört zu den ungewöhnlichsten und berührendsten in meinem gesamten Archiv, weil er mir eindrücklich zeigt, zu welchen bemerkenswerten, eigenständigen Entscheidungen ein gut ausgebildetes Rettungstier in einer echten Notsituation fähig sein kann, weit über das hinaus, was seine ursprüngliche Ausbildung vorsah. Ich bewahre das kleine, laminierte Foto dieses außergewöhnlichen Hundes seither zwischen meinen bewegendsten Erinnerungsstücken auf. Ich habe, seit diesem Fall, mit wachsendem Interesse die Fachliteratur zur Ausbildung und zum Verhalten von Rettungshunden studiert, ein Gebiet, das mir zuvor kaum bekannt war und das mich seither immer wieder mit der erstaunlichen Kombination aus Instinkt, Training und, wie es in K.L.s Fall den Anschein hatte, geradezu eigenständigem Urteilsvermögen fasziniert, die diese Tiere in Extremsituationen an den Tag legen können.

K.L. erzählte mir, bei jenem letzten gemeinsamen Kontrolltermin, dass sie sich, in den ersten Momenten nach ihrem eigenen Sturz, große Sorgen gemacht habe, als ihr Hund von ihrer Seite wich, ohne zu ahnen, dass er, mit einer für sie im Nachhinein kaum fassbaren Entschlossenheit, gleichzeitig einen zweiten Menschen retten würde. „Er hat mir gezeigt, dass Vertrauen manchmal bedeutet, loszulassen, auch wenn man selbst verletzt am Boden liegt”, sagte sie mir, eine Formulierung, die mich, angesichts der außergewöhnlichen Umstände dieser Geschichte, noch lange nach unserem Gespräch begleitete und die ich seither für eine der weisesten Aussagen halte, die mir ein Patient in meinem gesamten Archiv mit auf den Weg gegeben hat.

Ich lege K.L.s Karte sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe, mit einem warmen Gedanken an jenen klugen Hund, die nächste Karte aus dem Kasten.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."