Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Der Hund, der nicht aufhörte zu bellen

Karteikarte Nr. 100 — Datum: gewöhnlicher Dienstagnachmittag. Kürzel: E.F., 79 J., allein lebend. Stichwort: Sturz in der eigenen Wohnung, spinale Verletzung, Entdeckung durch anhaltendes Bellen des Nachbarhundes. Notiz: ein kleines, gemaltes Bild eines Hundes, von der Enkelin geschickt.

Der Fall

E.F. war neunundsiebzig, lebte seit dem Tod ihres Mannes allein in einer kleinen Erdgeschosswohnung, als sie beim Versuch, ein Bild an der Wand geradezurücken, von einem instabilen Hocker stürzte und sich dabei eine Wirbelsäulenverletzung zuzog, die sie, auf dem Boden liegend, weder aufstehen noch das Telefon erreichen ließ. Es war Nachmittag, die meisten Nachbarn bei der Arbeit, und E.F. verbrachte, wie sich später herausstellte, mehrere Stunden hilflos auf dem Boden ihrer Wohnung, bis der Hund ihres direkten Nachbarn, ein kleiner, sonst eher ruhiger Terrier namens Moritz, plötzlich begann, ununterbrochen an der gemeinsamen Wand zu kratzen und zu bellen, mit einer Hartnäckigkeit, die seinem Besitzer, der zufällig früher als sonst nach Hause kam, sofort auffiel.

Die Wendung

Der Nachbar, zunächst irritiert über das ungewöhnliche Verhalten seines Hundes, der sonst kaum je bellte, folgte schließlich seiner eigenen Unruhe, klopfte an E.F.s Tür, und als niemand öffnete, obwohl er wusste, dass sie eigentlich zu Hause sein musste, alarmierte er, seiner Intuition vertrauend, den Rettungsdienst. Die Feuerwehr öffnete die Wohnungstür gewaltsam und fand E.F., bereits deutlich unterkühlt und geschwächt, auf dem Boden ihres Wohnzimmers. Als sie in unsere Notaufnahme eingeliefert wurde, zeigte die Bildgebung einen Wirbelbruch mit beginnender neurologischer Beeinträchtigung, deren Ausmaß, davon bin ich überzeugt, ohne die frühzeitige Entdeckung durch den kleinen Hund erheblich schwerwiegender ausgefallen wäre.

Die Rettung

Wir operierten E.F. noch am selben Abend, stabilisierten den betroffenen Wirbelsäulenabschnitt und entlasteten die beginnende Kompression, mit besonderer Rücksicht auf ihr Alter und die zusätzliche Belastung durch die bereits eingetretene Unterkühlung, die wir zunächst parallel behandeln mussten. Die Operation selbst verlief, dank der noch rechtzeitig erfolgten Rettung, ohne größere Komplikationen, und ich war, als ich am nächsten Morgen bei ihr vorbeischaute, erleichtert, sie orientiert und, trotz allem, mit einem müden, aber klaren Lächeln vorzufinden.

Der Weg zurück

E.F. erholte sich, über die folgenden Wochen, gut von der Operation, mit einer nur geringfügigen, sich weiter zurückbildenden Schwäche in einem Bein. Ihr Nachbar besuchte sie regelmäßig während ihres Klinikaufenthalts, brachte ihr, bei einem dieser Besuche, sogar ein Foto von Moritz mit, den sie seither, wie sie mir mit einem gerührten Lächeln erzählte, „meinen kleinen Lebensretter” nennt. Ihre Enkelin, die von der ganzen Geschichte hörte, malte für ihre Großmutter ein kleines Bild des Hundes, das E.F. seither gerahmt in ihrem Wohnzimmer aufbewahrt, an genau der Wand, an der sie damals gestürzt war.

Die Nachwirkung

E.F.s Geschichte hat mich daran erinnert, wie viele stille, unscheinbare Faktoren manchmal über Leben und schwere, bleibende Behinderung entscheiden, weit außerhalb dessen, was wir als Ärzte kontrollieren können. Ich habe seither, bei älteren, allein lebenden Patienten, öfter das Gespräch über soziale Vernetzung in der unmittelbaren Nachbarschaft gesucht, nicht als medizinische Standardmaßnahme, sondern als das, was diese Geschichte mir so eindrücklich vor Augen führte: dass ein aufmerksamer Nachbar, oder in diesem Fall sogar ein aufmerksamer Hund, manchmal die entscheidendste Rolle in der gesamten Rettungskette spielt. Ich rege bei solchen Gesprächen seither auch behutsam an, über einen einfachen Notrufknopf oder eine tägliche Kontaktroutine mit Angehörigen oder Nachbarn nachzudenken, kleine, unaufwendige Maßnahmen, die im Ernstfall über Stunden entscheiden können, die, wie E.F.s Fall zeigt, selbst über das Ausmaß einer bleibenden Behinderung mitbestimmen.

Ich lege die Karte, versehen mit dem kleinen, kindlich gemalten Hundebild, zurück in den Kasten und greife, mit einem warmen Gefühl im Bauch, nach der nächsten, die mich mit einer knappen Notiz zu einem denkwürdigen Flug sofort in eine ganz andere, weit über den Wolken liegende Erinnerung entführt.

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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."