Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Hüttenwirt
Karteikarte Nr. 109 — Datum: Spätherbst, letzte Tage vor der winterlichen Schließung. Kürzel: A.B., 63 J., Hüttenwirt einer entlegenen Alpenvereinshütte. Stichwort: Sturz auf vereister Terrasse, Wirbelbruch, tagelang verzögerte Evakuierung wegen Schlechtwetters. Notiz: ein kleiner, laminierter Zettel mit der handgeschriebenen Öffnungszeiten-Tafel der Hütte.
Der Fall
A.B. war dreiundsechzig Jahre alt, seit über zwei Jahrzehnten Wirt einer entlegenen, nur zu Fuß in mehrstündigem Aufstieg erreichbaren Alpenvereinshütte auf über zweitausend Metern Höhe, als er, wenige Tage vor der geplanten winterlichen Schließung, auf der vereisten Terrasse seiner Hütte ausrutschte und sich einen Wirbelbruch mit beginnenden neurologischen Ausfällen zuzog. Seine Frau, die gemeinsam mit ihm die Hütte führte, alarmierte sofort die Bergrettung, doch ein plötzlich einsetzender, heftiger Schneesturm machte einen Hubschraubereinsatz in den folgenden zwei Tagen vollständig unmöglich, sodass A.B. mit einer instabilen Wirbelsäulenverletzung tagelang in der abgelegenen Hütte ausharren musste, notdürftig von seiner Frau und dem behelfsmäßig per Funk angeleiteten Bergrettungsteam versorgt.
Die Wendung
Ich stand, während dieser zwei bangen Tage, in ständigem Funkkontakt mit dem Einsatzleiter der Bergrettung und beriet aus der Ferne, wie A.B. am sichersten gelagert und immobilisiert werden konnte, um eine weitere Verschlechterung seiner bereits bestehenden neurologischen Symptomatik zu verhindern, eine Situation, die eine besondere Form der Telemedizin erforderte, bei der ich mich vollständig auf die präzisen Beschreibungen der vor Ort befindlichen, medizinisch nicht spezialisierten, aber hoch motivierten Helfer verlassen musste. Als sich das Wetter am dritten Tag endlich besserte, war die entscheidende Frage, ob die verstrichene Zeit bereits zu einer irreversiblen Verschlechterung geführt hatte, eine Ungewissheit, die uns alle während des gesamten Rettungsflugs begleitete.
Die Rettung
A.B. erreichte unsere Klinik, nach dem lang ersehnten Rettungsflug, in einem Zustand, der, angesichts der widrigen Umstände seiner Versorgung in den vorangegangenen Tagen, bemerkenswert stabil war. Ich operierte ihn umgehend, eine Stabilisierung des gebrochenen Wirbelsäulenabschnitts mit gleichzeitiger Entlastung des unter Druck stehenden Rückenmarks, wobei ich während der gesamten Operation von der stillen Hoffnung begleitet wurde, dass die sorgfältige, wenn auch behelfsmäßige Immobilisierung durch seine Frau und das Bergrettungsteam eine weitere Verschlechterung tatsächlich verhindert hatte.
Der Weg zurück
A.B.s neurologischer Zustand besserte sich, in den Tagen nach der Operation, kontinuierlich und stetig, ohne die von uns befürchtete bleibende Verschlechterung durch die tagelange Verzögerung. Er verbrachte den Winter, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, erstmals seit über zwanzig Jahren nicht mit Vorbereitungen für die kommende Almsaison, sondern vollständig mit seiner eigenen Rehabilitation, kehrte aber, im folgenden Frühling, mit spürbarer Erleichterung, neuer Kraft und einer neu installierten, rutschfesten Terrassenbeschichtung, zu seiner geliebten Hütte zurück, fest entschlossen, dass sich ein solcher Sturz auf seiner eigenen Terrasse nie wiederholen sollte.
Die Nachwirkung
A.B.s Geschichte hat mir eindrücklich vor Augen geführt, unter welch schwierigen Bedingungen medizinische Versorgung in entlegenen Berggebieten mitunter organisiert werden muss, und wie entscheidend dabei die Bereitschaft medizinischer Laien ist, unter Anleitung Verantwortung zu übernehmen, wenn kein Arzt rechtzeitig vor Ort sein kann. Ich habe, nach diesem Fall, an der Entwicklung eines verbesserten telemedizinischen Leitfadens für die Bergrettung unserer Region mitgewirkt, der seither bei vergleichbaren, wetterbedingt verzögerten Rettungseinsätzen zur Anwendung kommt. A.B.s Frau, die während jener zwei bangen Tage die eigentliche, unmittelbare Verantwortung für seine Lagerung und Versorgung trug, erhielt von der Bergrettung im folgenden Jahr eine offizielle Anerkennung für ihren Einsatz, eine Würdigung, die ich, als ich davon erfuhr, aus vollem Herzen für verdient hielt.
Ich betrachte den kleinen, laminierten Zettel mit den Öffnungszeiten seiner Hütte, den A.B. mir bei seinem letzten Kontrolltermin schenkte, als Einladung, sie im kommenden Sommer selbst zu besuchen, eine Einladung, die ich mir seither fest vorgenommen habe anzunehmen, sobald sich eine geeignete Gelegenheit dafür findet, und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten.
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