Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Höhlentaucher

Karteikarte Nr. 062 — Datum: während einer Expedition in ein unerforschtes Unterwasserhöhlensystem. Kürzel: R.S., 38 J., Höhlentaucher. Stichwort: Sturz gegen einen Felsvorsprung beim Auftauchen in einer engen Luftglocke, Wirbelsäulenverletzung tief unter der Erdoberfläche. Notiz: eine kleine, wasserdichte Kapsel mit einer Probe des von R.S. entdeckten unterirdischen Gesteins.

Der Fall

R.S. war achtunddreißig, erfahrener Höhlentaucher, der ein bislang unerforschtes Unterwasserhöhlensystem kartierte, als er, beim Auftauchen in einer engen, natürlichen Luftglocke tief unter der Erdoberfläche, gegen einen scharfkantigen Felsvorsprung stieß und sich dabei einen Wirbelbruch zuzog. Seine Tauchpartnerin, die ihn begleitete, musste, unter extremem psychischem Druck, sowohl seine akute medizinische Versorgung unter Tage improvisieren als auch die komplexe, mehrstündige Bergung durch die engen, teils vollständig überfluteten Gänge des Höhlensystems koordinieren.

Die Wendung

Die alarmierte Höhlenrettung, ein hochspezialisiertes Team mit eigener Taucherfahrung, musste, angesichts der extremen Enge und der teilweise vollständig gefluteten Passagen, ein äußerst komplexes, technisch anspruchsvolles Bergungskonzept entwickeln, um R.S. sicher an die Oberfläche zu bringen, ohne seine bereits verletzte Wirbelsäule zusätzlich zu belasten. Ich stand, in sporadischem Funkkontakt mit dem Einsatzleiter, vor der besonderen Herausforderung, die medizinische Dringlichkeit aus der Ferne einzuschätzen, während die eigentliche Bergung noch viele Stunden in Anspruch nehmen würde.

Die Rettung

Als R.S. nach insgesamt über acht Stunden schließlich die Oberfläche erreichte, bestätigte die Bildgebung einen instabilen Wirbelbruch, den ich noch in derselben Nacht operierte, eine Stabilisierung und Entlastung, die, trotz der außergewöhnlich langen Zeitspanne zwischen Verletzung und Behandlung, ohne weitere Komplikationen verlief. Die improvisierte, aber kompetente Erstversorgung durch seine Tauchpartnerin unter Tage hatte, wie sich zeigte, maßgeblich zu diesem glimpflichen Ausgang beigetragen.

Der Weg zurück

R.S. erholte sich gut von seiner Operation, ohne bleibende neurologische Beeinträchtigung, und kehrte, nach sorgfältiger Rehabilitation, zu seiner Passion für die Höhlenforschung zurück, wenn auch, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin versicherte, „mit einem noch tieferen Respekt vor den Risiken dieses ungewöhnlichen Sports.” Er schickte mir, aus seiner nächsten, deutlich vorsichtiger geplanten Expedition, eine kleine, wasserdichte Kapsel mit einer Probe jenes unterirdischen Gesteins, das er bei seiner ursprünglichen, folgenschweren Tour entdeckt hatte.

Die Nachwirkung

R.S.s Fall gehört zu den technisch komplexesten Rettungseinsätzen, die ich in meiner gesamten Laufbahn aus der Ferne begleitet habe, und er hat mir eindrücklich gezeigt, zu welchen außergewöhnlichen Leistungen hochspezialisierte Rettungsteams unter den widrigsten, unzugänglichsten Bedingungen fähig sind. Ich habe, seit diesem Fall, mit großem Respekt die besondere Ausbildung von Höhlenrettungstauchern studiert, ein Fachgebiet, das eine außergewöhnliche Kombination aus taucherischem Können, medizinischem Grundwissen und psychischer Belastbarkeit unter extremer Enge erfordert, Eigenschaften, die ich zuvor nie in dieser speziellen Kombination bewusst wahrgenommen hatte.

Ich habe R.S.s Tauchpartnerin, deren besonnenes, kompetentes Handeln unter Tage zweifellos zu seinem guten Behandlungsergebnis beitrug, bei einem späteren Treffen persönlich kennengelernt und ihr für ihre außergewöhnliche Leistung gedankt, eine Anerkennung, die sie, mit derselben bescheidenen Zurückhaltung, die ich bereits bei anderen Rettern in diesem Archiv beschrieben habe als „das Mindeste, was ein Tauchpartner tun kann” bezeichnete. Ich habe, angesichts dieser wiederkehrenden Bescheidenheit bei Menschen, die unter Extrembedingungen Außergewöhnliches leisten, längst aufgehört, mich über diese Zurückhaltung zu wundern, und begonnen, sie stattdessen als eine gemeinsame, bewundernswerte Charaktereigenschaft all jener Menschen zu betrachten, die ihr eigenes Leben regelmäßig für andere aufs Spiel setzen.

Ich denke oft an die schiere Dunkelheit und Enge jener unterirdischen Welt, die R.S. mir bei seiner Genesung beschrieb, eine Umgebung, die für die meisten Menschen unvorstellbar klaustrophobisch wäre, die für ihn aber, trotz seines beinahe tödlichen Unfalls, weiterhin eine tiefe, unerklärliche Faszination birgt.

Ich betrachte die kleine, wasserdichte Kapsel mit dem seltenen, unterirdischen Gestein, bevor ich sie zu meinen ungewöhnlichsten Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.

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