Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Hausbrand
Karteikarte Nr. 139 — Datum: Winternacht, ausgedehnter Wohnhausbrand. Kürzel: S.M., 48 J. Stichwort: Sprung aus einem oberen Stockwerk zur Rettung vor den Flammen, Wirbelbruch bei der Landung, kombiniert mit leichten Rauchgasschäden. Notiz: ein kleines, angesengtes Stück Stoff aus ihrem geretteten Lieblingsschal.
Der Fall
S.M. war achtundvierzig Jahre alt, wurde mitten in der Nacht durch den schrillen Rauchmelder ihrer Wohnung geweckt, als ein Brand, der im Erdgeschoss ihres Mehrfamilienhauses ausgebrochen war, sich rasch über das Treppenhaus ausbreitete und ihr den regulären Fluchtweg abschnitt. In panischer, aber, wie sich zeigen sollte, lebensrettender Entschlossenheit sprang sie aus dem Fenster ihrer im ersten Stock gelegenen Wohnung auf einen darunterliegenden, mit Sträuchern bewachsenen Grünstreifen, eine Rettungsaktion, die ihr zwar das Leben rettete, ihr aber bei der harten Landung einen Wirbelbruch zufügte.
Die Wendung
Die Feuerwehr, die S.M. kurz nach ihrem Sprung fand, sicherte sie umgehend und brachte sie, gemeinsam mit leichten Rauchgasvergiftungssymptomen, in unsere Notaufnahme, wo sich die Bildgebung als Bestätigung ihres Verdachts auf einen instabilen Wirbelbruch mit beginnender neurologischer Beeinträchtigung erwies. Die Kombination aus der akuten Rauchgasvergiftung, die zunächst internistisch stabilisiert werden musste, und der dringend notwendigen Wirbelsäulenoperation erforderte, ähnlich wie bei anderen kombinierten Verletzungsfällen, die ich bereits beschrieben habe, eine sorgfältig abgestimmte, interdisziplinäre Priorisierung.
Die Rettung
Nachdem die internistische Abklärung S.M.s Rauchgasvergiftung als ausreichend stabil für eine Operation bestätigt hatte, operierten wir sie, eine Stabilisierung des gebrochenen Wirbelsäulenabschnitts mit gleichzeitiger Entlastung des komprimierten Rückenmarks, die ohne weitere Komplikationen verlief. Ich war, während der gesamten Operation, mir der besonderen Umstände bewusst, unter denen sich diese Verletzung ereignet hatte, ein Sprung, der zwar körperliche Schäden verursachte, aber gleichzeitig ihr Leben gerettet hatte, eine Ambivalenz, die mich während des gesamten Eingriffs begleitete.
Der Weg zurück
S.M. erholte sich gut von ihrer Operation, ihre neurologischen Beeinträchtigungen bildeten sich über die folgenden Monate weitgehend zurück. Sie verlor bei dem Brand nahezu ihren gesamten Besitz, mit Ausnahme eines einzigen, angesengten Schals, den ein Nachbar noch aus den Trümmern ihrer Wohnung bergen konnte und ihr, während ihres Klinikaufenthalts, brachte, ein Geschenk, das sie, wie sie mir erzählte, „mehr bedeutete als alles, was ich sonst verloren habe.”
Die Nachwirkung
S.M.s Geschichte gehört zu jenen Fällen in meinem Archiv, die mir eindrücklich vor Augen führen, wie eng Rettung und Verletzung manchmal ineinander verschränkt sein können, wie derselbe verzweifelte Sprung, der ihr Leben rettete, gleichzeitig die Verletzung verursachte, die sie zu mir führte. Ich habe von diesem Fall gelernt, wie wichtig es ist, bei traumatischen Verletzungen stets auch den größeren Kontext des Geschehens zu verstehen, nicht nur, um die medizinische Behandlung richtig zu priorisieren, sondern auch, um den Patienten in seiner gesamten, oft erschütternden Erfahrung ernst zu nehmen. Ich habe S.M. später gefragt, ob sie ihre Entscheidung zu springen, angesichts der Verletzung, die sie sich dabei zuzog, jemals bereut habe, und sie antwortete, ohne eine Sekunde zu zögern, dass sie es jederzeit wieder tun würde, eine Gewissheit, die mich, angesichts der Schwere ihrer Verletzung, tief beeindruckte und mir noch einmal zeigte, wie klar mancher Mensch selbst im Angesicht panischer Gefahr die richtige Entscheidung trifft.
Der Brand selbst, wie ich später erfuhr, forderte in dem betroffenen Mehrfamilienhaus glücklicherweise kein weiteres Menschenleben, eine Nachricht, die S.M. während ihres Klinikaufenthalts sichtlich erleichterte, auch wenn sie um den vollständigen Verlust ihrer Wohnung trauerte. Die Nachbarschaftshilfe, die sich in den folgenden Wochen um sie und die anderen Betroffenen bildete, hat mich zusätzlich daran erinnert, wie viel stille Solidarität Menschen in einer Krise füreinander aufbringen können.
Ich bewahre das kleine, angesengte Stück Stoff aus S.M.s gerettetem Schal zwischen meinen anderen, oft ungewöhnlichen Erinnerungsstücken auf und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."