Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Hang, der sich bewegte

Karteikarte Nr. 031 — Datum: nach tagelangem Dauerregen. Kürzel: mehrere Verletzte, Erdrutsch an einem bewohnten Hang. Stichwort: ein Haus, das binnen Minuten von einem Erdrutsch erfasst wurde, mehrere Verletzte mit Wirbelsäulenbeteiligung. Notiz am Rand: “Manchmal bewegt sich der Boden unter den Füßen der Menschen buchstäblich, nicht nur im übertragenen Sinne.”

Der Fall

Nach tagelangem, ungewöhnlich intensivem Dauerregen löste sich, an einem steilen, ohnehin bereits durchweichten Hang oberhalb eines kleinen Wohngebiets, eine große Menge durchnässten Erdreichs und erfasste, binnen weniger Minuten, ein bewohntes Haus, dessen Bewohner nur durch außergewöhnlich glückliche Umstände rechtzeitig gewarnt werden konnten. Mehrere Personen wurden dennoch von den mächtigen Erdmassen erfasst oder durch herabstürzende Trümmer teils schwer verletzt, darunter drei mit ernstem Verdacht auf eine Wirbelsäulenbeteiligung, die gleichzeitig und nahezu zeitgleich in unsere Klinik gebracht wurden, eine Situation, die unser gesamtes Team vor eine außergewöhnliche organisatorische und medizinische Herausforderung stellte.

Die Wendung

Ich koordinierte, gemeinsam mit unserem gesamten verfügbaren chirurgischen Team, die gleichzeitige Erstversorgung aller drei Betroffenen, deren Verletzungsmuster sich, je nach ihrer jeweiligen Position während des Erdrutschs, erheblich unterschieden: eine ältere Frau mit einer Kompressionsfraktur durch das Gewicht einstürzender Erdmassen, ein junger Mann mit einer Wirbelsäulenverletzung durch den Aufprall gegen eine einstürzende Wand, und ein Kind mit einer glücklicherweise stabilen, aber dennoch beunruhigenden Verletzung, das seine Mutter, wie sich später herausstellte, im letzten Moment noch aus dem direkten Weg der Erdmassen gezogen hatte.

Die Rettung

Wir operierten alle drei Patienten innerhalb weniger Stunden, in einer eng koordinierten, präzise abgestimmten Abfolge, die eine sorgfältige Priorisierung nach medizinischer Dringlichkeit erforderte. Alle drei Operationen verliefen, trotz der außergewöhnlichen Umstände und des enormen, andauernden Zeitdrucks, ohne jede Komplikation, ein Ergebnis, das ich, angesichts der ungewöhnlichen Schwere und Gleichzeitigkeit der Verletzungen, im Nachhinein als eine der größten organisatorischen Leistungen unseres gesamten, hervorragend eingespielten Teams betrachte.

Der Weg zurück

Alle drei Patienten erholten sich, in den folgenden, oft schwierigen Monaten, gut von ihren jeweiligen Verletzungen, ohne bleibende neurologische Beeinträchtigung. Die Mutter, die ihr Kind im letzten, entscheidenden Moment aus dem direkten Weg der herabstürzenden Erdmassen gezogen hatte, besuchte mich, gemeinsam mit ihrem inzwischen vollständig genesenen Kind, zu einem gemeinsamen Kontrolltermin, ein Wiedersehen, das mich, angesichts der dramatischen Umstände ihrer ursprünglichen Rettung, ganz besonders bewegte.

Die Nachwirkung

Dieser Vorfall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie plötzlich und ohne jede Vorwarnung sich ein vertrauter, sicher geglaubter Ort in eine akute Gefahrenzone verwandeln kann, und wie wichtig eine gut koordinierte, priorisierte Notfallversorgung bei gleichzeitig mehreren, unterschiedlich schweren Verletzungen ist. Die zuständigen Behörden überarbeiteten, nach eingehender geologischer Untersuchung, die Sicherheitseinstufung mehrerer vergleichbarer Hanglagen unserer Region. Ich habe, im Nachgang dieses Vorfalls, gemeinsam mit unserem Katastrophenschutz, an der Weiterentwicklung eines Notfallplans für witterungsbedingte Massenanfälle mitgewirkt, der seither, in ähnlicher Form, auch bei anderen extremen Wetterereignissen unserer Region zur Anwendung kommt.

Besonders bewegend blieb mir die Geschichte jener Mutter in Erinnerung, deren beherztes, blitzschnelles Handeln in den letzten Sekunden vor dem Einschlag der Erdmassen zweifellos das Leben ihres Kindes gerettet hatte. Sie erzählte mir, bei unserem gemeinsamen Kontrolltermin, dass sie sich an jene entscheidenden Sekunden selbst kaum noch bewusst erinnern könne, dass ihr Körper, wie sie es beschrieb, „einfach gehandelt hat, bevor mein Verstand überhaupt begriffen hatte, was geschah.” Diese instinktive, mütterliche Reaktion unter extremer Belastung hat mich, wie schon bei anderen ähnlichen Fällen in meinem Archiv, einmal mehr mit Ehrfurcht vor der Kraft menschlicher Instinkte in Momenten höchster Gefahr erfüllt.

Ich lege die drei Karten jener denkwürdigen, regnerischen Nacht, zum zweiten Mal in diesem Band gemeinsam, sorgfältig in den Kasten zurück und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie für mich bereithält.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."