Schulmedizin trifft Alternativmedizin · 3 min Lektüre
Der Handaufleger
Karteikarte Nr. 096 — Datum: Frühjahr. Kürzel: J.P., 8 J. Stichwort: bevorstehende Wirbelsäulenoperation, extreme präoperative Angst, Beruhigung durch einen traditionellen “Handaufleger” aus dem Nachbardorf. Notiz am Rand: “Ich habe nicht alles verstanden, was er tat. Ich habe nur gesehen, dass es wirkte.”
Der Fall
J.P. war acht Jahre alt, stand vor einer notwendigen operativen Korrektur einer angeborenen Wirbelsäulenfehlbildung, und geriet, in den Tagen vor der geplanten Operation, in einen Zustand solch extremer Angst, dass weder die üblichen kindgerechten Aufklärungsgespräche unserer Pflegekräfte noch die beruhigenden Worte seiner Eltern eine spürbare Wirkung zeigten. Er weinte, sobald das Wort „Operation” fiel, verweigerte zeitweise sogar die Nahrungsaufnahme, ein Zustand, der uns, angesichts der bevorstehenden Narkose, zunehmend Sorgen bereitete. Seine Großmutter, die aus einem kleinen Nachbardorf stammte, schlug schließlich, zunächst zögerlich und mit sichtlicher Sorge vor meiner möglichen Reaktion, vor, einen in der Gegend bekannten „Handaufleger” hinzuzuziehen, einen älteren Mann, der in der lokalen Volksmedizin als Person mit einer besonderen, beruhigenden Gabe galt.
Die Wendung
Ich war, das gebe ich offen zu, zunächst skeptisch, ließ mich aber, angesichts der Verzweiflung der Familie und der Tatsache, dass eine solche Begleitung dem eigentlichen medizinischen Vorgehen in keiner Weise entgegenstand, darauf ein, den Mann, den alle im Dorf nur „den Anton” nannten, für ein kurzes Treffen mit J.P. in die Klinik einzuladen. Anton, ein ruhiger, bescheiden auftretender Mann weit jenseits der siebzig, setzte sich, ohne viele Worte, zu J.P. ans Bett, legte ihm sanft die Hand auf die Schulter und sprach, sehr leise, in einem gleichmäßigen, fast singenden Tonfall, von dem ich, ehrlich gesagt, kaum ein Wort verstand, offenbar eine alte, mündlich überlieferte Formel aus der regionalen Tradition.
Die Rettung
Was auch immer in diesen wenigen Minuten geschah, ob es die ruhige Präsenz des alten Mannes war, der gleichmäßige Klang seiner Stimme oder schlicht die Tatsache, dass J.P. spürte, wie ernst seine Angst von den Erwachsenen um ihn herum genommen wurde, sein Zustand veränderte sich merklich. Er beruhigte sich zusehends, begann, kurz mit Anton zu sprechen, und aß, zum ersten Mal seit Tagen, an jenem Abend wieder eine vollständige Mahlzeit. Die Operation am folgenden Morgen verlief, medizinisch betrachtet, wie jede vergleichbare Operation dieser Art, mit dem einzigen Unterschied, dass J.P. ihr, entgegen unserer Befürchtungen der vorangegangenen Tage, mit einer bemerkenswerten inneren Ruhe entgegensah.
Der Weg zurück
J.P. erholte sich gut von der Operation, seine anfängliche Angst kehrte, entgegen unserer Sorge, auch bei den nachfolgenden Kontrollterminen nicht in vergleichbarer Intensität zurück. Anton besuchte ihn, auf eigenen Wunsch, noch zweimal während des stationären Aufenthalts, kurze, unaufgeregte Besuche, die J.P., wie das Pflegepersonal mir berichtete, jedes Mal sichtlich guttaten. Bei der Entlassung bedankte sich die Familie bei uns beiden gleichermaßen, bei mir für die Operation, bei Anton für das, was seine Tochter als „das, was die Angst kleiner gemacht hat” bezeichnete.
Die Nachwirkung
Dieser Fall hat mich zu einer Offenheit ermutigt, die ich mir, in früheren Jahren meiner Laufbahn, vermutlich nicht erlaubt hätte: die Bereitschaft, eine mir fremde, wissenschaftlich nicht erklärbare Praxis wirken zu lassen, solange sie der eigentlichen medizinischen Behandlung nicht im Weg steht, sondern sie, wie in diesem Fall, sogar sinnvoll ergänzen kann. Ich habe seither, bei vergleichbar ängstlichen jungen Patienten, wiederholt gefragt, ob es in der jeweiligen Familie eigene, vertraute Rituale oder Bezugspersonen gibt, die zusätzlich zur medizinischen Aufklärung Trost spenden könnten, eine Frage, die ich früher nicht gestellt hätte und die sich seither immer wieder als wertvoll erwiesen hat.
Ich lege die Karte zurück, das Feuer wirft ruhige Schatten über den Raum, und ich greife nach der nächsten, die mich mit einer kurzen Notiz zu einem verschneiten Berghang sofort in eine angespannte Erinnerung zurückversetzt.
Weiterlesen im Journal
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."