Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Der Großmeister, der die Züge vergaß

Karteikarte Nr. 028 — Datum: mitten in einem internationalen Schachturnier. Kürzel: V.T., 44 J., Schachgroßmeister. Stichwort: plötzliche, rätselhafte Verwirrtheit während einer entscheidenden Turnierpartie, Ursache eine bislang unentdeckte Nervenkompression im Nacken. Notiz: ein signiertes Schachbrett, “für den Arzt, der mir meine Züge zurückgab”.

Der Fall

V.T. war vierundvierzig Jahre alt, ein international renommierter, hochangesehener Schachgroßmeister, mitten in einer entscheidenden Partie eines bedeutenden Turniers, als er plötzlich, vor den Augen des versammelten Publikums und der Turnierkameras, in eine merkwürdige, für ihn selbst beängstigende Verwirrtheit geriet, unfähig, sich an bereits gespielte Züge zu erinnern oder neue, kohärente strategische Überlegungen anzustellen. Die Turnierleitung, alarmiert durch sein sichtlich verändertes Verhalten, brach die Partie vorsorglich ab und veranlasste eine sofortige ärztliche Untersuchung.

Die Wendung

Die ersten Untersuchungen deuteten zunächst besorgniserregend auf einen möglichen Schlaganfall oder eine andere akute neurologische Krise hin, ein Verdacht, der sich, nach eingehender Bildgebung, glücklicherweise nicht bestätigte. Erst eine detaillierte Untersuchung seiner Halswirbelsäule enthüllte die tatsächliche, deutlich subtilere Ursache: eine bislang unentdeckte Nervenkompression, die, unter der besonderen Anspannung und der ungewöhnlichen Körperhaltung stundenlanger Turnierpartien, offenbar eine vorübergehende Beeinträchtigung der Blutversorgung zu bestimmten Hirnregionen verursacht hatte, ein Zusammenhang, der selbst mich, nach Jahrzehnten neurochirurgischer Erfahrung, zunächst überraschte.

Die Rettung

Ich operierte V.T. wenige Tage später, eine sorgfältige Entlastung des betroffenen Nervs und der umliegenden Gefäßstrukturen, die ohne Komplikationen verlief. Ich besprach mit ihm, im Anschluss, ausführlich die besonderen körperlichen Anforderungen des professionellen Schachspiels, die stundenlange, konzentrierte Körperhaltung, die, wie sich zeigte, bei ihm zu genau jener kritischen Kombination aus Nervenkompression und eingeschränkter Durchblutung geführt hatte, ein Gespräch, das mir eine faszinierende Einsicht in die körperlichen Belastungen eines auf den ersten Blick rein geistigen Sports gab.

Der Weg zurück

V.T. erholte sich gut und vollständig von der Operation, und mit einer angepassten Sitzhaltung sowie regelmäßigen Bewegungspausen während längerer Partien kehrte er, nach einigen Monaten, erfolgreich zum professionellen Turnierschach zurück. Er gewann, bei seinem ersten größeren Turnier nach der Operation, tatsächlich sogar den Gesamtsieg, ein Erfolg, den er mir, bei seinem letzten Kontrolltermin, mit einem breiten Lächeln als „Beweis, dass mein Kopf wieder vollständig mir gehört” beschrieb. Er schenkte mir ein signiertes Schachbrett als Dank.

Die Nachwirkung

V.T.s Fall hat mir eindrücklich gezeigt, wie sehr auch scheinbar rein geistige, körperlich wenig fordernde Sportarten tatsächlich erhebliche physische Anforderungen an ihre Ausübenden stellen können, Anforderungen, die leicht übersehen werden, wenn man sich allein auf die intellektuelle Dimension eines solchen Wettkampfs konzentriert.

Ich berate seither, bei ähnlichen Fällen aus dem Bereich des professionellen Schachs oder anderer sitzintensiver Wettkampfformen, gezielter zu ergonomischen Anpassungen.

Ich habe, im Zuge dieses Falls, mit einem befreundeten Sportmediziner zusammengearbeitet, der sich seither verstärkt für die körperlichen Belastungen des professionellen Schachsports interessiert, ein Forschungsgebiet, das, wie wir beide feststellten, in der Sportmedizin bislang erstaunlich wenig Beachtung gefunden hat, obwohl professionelle Turniere oft mehrere Stunden ununterbrochener, hochkonzentrierter Sitzhaltung verlangen.

Besonders faszinierend fand ich V.T.s eigene, detaillierte Beschreibung jenes Moments der Verwirrtheit während der entscheidenden Partie: Er erzählte mir, dass er sich, mitten im Spiel, plötzlich nicht mehr habe erinnern können, welche Farbe er überhaupt spielte, ein für einen Großmeister seines Niveaus zutiefst beunruhigender Zustand, der ihn, wie er gestand, „mehr geängstigt hat als jede Niederlage meiner gesamten Karriere.”

Diese eindrückliche Schilderung hat mich noch einmal daran erinnert, wie sehr unser gesamtes Selbst-verständnis, gerade bei Menschen, deren Identität eng mit ihrer geistigen Leistungsfähigkeit verknüpft ist, von der zuverlässigen Funktion unseres Gehirns abhängt.

Ich betrachte das signierte Schachbrett, das seither einen Ehrenplatz in meinem eigenen Arbeitszimmer gefunden hat, bevor ich die nächste Karte aus dem Kasten ziehe, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.

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