Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Gleitschirm
Karteikarte Nr. 122 — Datum: windiger Frühlingstag, beliebter Startplatz oberhalb des Tals. Kürzel: B.K., 41 J., Gleitschirmpilot. Stichwort: Absturz nach plötzlichem Thermikabriss, Wirbelbruch, Rückkehr zum Fliegen als erklärtes Ziel. Notiz: ein kleines Stück des zerrissenen Schirmtuchs.
Der Fall
B.K. war einundvierzig Jahre alt, ein erfahrener Gleitschirmpilot mit mehreren tausend Flugstunden, als er bei einem Start an einem beliebten, aber für seine unberechenbaren Thermikverhältnisse bekannten Startplatz von einem plötzlichen Abriss der tragenden Thermik erfasst wurde und aus geringer Höhe unkontrolliert zu Boden stürzte. Andere Piloten, die den Start beobachtet hatten, erreichten ihn innerhalb weniger Minuten und fanden ihn bei Bewusstsein, aber mit starken Rückenschmerzen und einer beginnenden Taubheit in beiden Beinen vor, Anzeichen, die auf eine mögliche Wirbelsäulenverletzung hindeuteten.
Die Wendung
Der herbeigerufene Rettungshubschrauber brachte B.K. direkt zu uns, wo die Bildgebung einen Wirbelbruch mit beginnender Kompression des Rückenmarks bestätigte. B.K.s erste, noch unter Schmerzen gestellte Frage betraf, ähnlich wie bei anderen leidenschaftlichen Sportlern, deren Geschichten ich bereits erzählt habe, nicht in erster Linie seine allgemeine Prognose, sondern die Aussicht auf eine Rückkehr zum Fliegen, einem Sport, der, wie er mir erklärte, für ihn „mehr Lebensgefühl als Hobby” bedeutete.
Die Rettung
Wir operierten B.K. noch am selben Tag ohne Verzögerung, eine Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts mit gleichzeitiger Entlastung des komprimierten Rückenmarks, die ohne Komplikationen verlief. Ich besprach mit ihm, noch während seines stationären Aufenthalts, offen die realistischen Erfolgsaussichten einer möglichen Rückkehr zu seinem Sport, wohl wissend, dass eine erneute schwere Erschütterung der Wirbelsäule, wie sie bei einer harten Landung nicht auszuschließen ist, ein erhebliches zusätzliches Risiko darstellen würde, ein Risiko, das letztlich B.K. selbst, nach vollständiger Aufklärung, für sich abwägen musste.
Der Weg zurück
B.K.s neurologische Symptome bildeten sich über die folgenden Monate weitgehend und stetig zurück, und nach eingehender, sorgfältiger Beratung mit uns und einem spezialisierten Sportmediziner entschied er sich, unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen, tatsächlich und mit spürbarer Entschlossenheit zu seinem Sport zurückzukehren, zunächst mit deutlich vorsichtigeren, spürbar konservativeren Flugmanövern als zuvor. Er schickte mir, ein Jahr nach seinem folgenschweren Unfall, ein Foto von seinem ersten Flug nach der Operation, aufgenommen von einem begleitenden Kollegen, mit der kurzen, aber vielsagenden Nachricht: „Vorsichtiger als früher. Aber ich fliege wieder.”
Die Nachwirkung
B.K.s Fall hat mich erneut mit der Frage konfrontiert, die mich bei sportlich sehr aktiven Patienten regelmäßig beschäftigt: wie weit ärztliche Verantwortung reicht, wenn ein vollständig aufgeklärter, mündiger Patient sich bewusst für die Rückkehr zu einer Aktivität entscheidet, die ein gewisses Restrisiko birgt. Ich bin, über die Jahre, zu der Überzeugung gelangt, dass meine Aufgabe nicht darin besteht, Patienten von ihren Leidenschaften abzubringen, sondern ihnen die bestmögliche, ehrliche Grundlage für eine eigenverantwortliche Entscheidung zu geben. Diese Haltung ist mir nicht immer leichtgefallen, besonders in Momenten, in denen ich selbst, aus rein medizinischer Vorsicht heraus, lieber von einer Rückkehr zum Sport abgeraten hätte, doch ich habe gelernt, dass eine bevormundende Haltung dem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient langfristig mehr schadet als eine offene, ehrliche Risikoabwägung auf Augenhöhe.
Besonders eindrücklich blieb mir dabei ein Gespräch mit B.K.s Frau in Erinnerung, die mir, kurz vor seiner Entlassung, unter vier Augen gestand, dass sie seine Rückkehr zum Fliegen mit gemischten Gefühlen begleite, ihn aber gleichzeitig nicht von etwas abhalten wolle, das einen so zentralen Teil seiner Identität ausmache. „Ich habe mich entschieden, seine Leidenschaft mehr zu fürchten als zu bekämpfen”, sagte sie mir damals, ein Satz, der mich seither immer wieder begleitet, wenn ich mit Angehörigen ähnlich risikofreudiger Patienten spreche.
Ich lege das kleine Stück des zerrissenen Schirmtuchs zu meinen anderen Erinnerungsstücken und ziehe, während draußen ein kräftiger Frühlingswind um das Haus bläst, die nächste Karte aus dem Kasten.
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