Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Gärtner

Karteikarte Nr. 134 — Datum: Frühsommer, kurz vor der Rosenblüte. Kürzel: E.T., 74 J., ehrenamtlicher Klostergärtner. Stichwort: Bandscheibenvorfall nach jahrzehntelanger Gartenarbeit, Ziel: rechtzeitige Rückkehr zur Pflege eines historischen Rosengartens. Notiz: eine gepresste, getrocknete Rosenblüte aus eben jenem Garten.

Der Fall

E.T. war vierundsiebzig Jahre alt, pflegte seit über dreißig Jahren mit großer Hingabe ehrenamtlich den historischen Rosengarten eines nahegelegenen Klosters, als jahrzehntelange, wiederholte Belastung seiner Wirbelsäule durch die gebückte Gartenarbeit zu einem fortgeschrittenen Bandscheibenvorfall führte, der ihm zunehmend Schmerzen bereitete und schließlich eine operative Behandlung notwendig machte. Seine größte, allergrößte Sorge, wie er mir bei unserem ersten Gespräch mit sichtlicher Rührung erzählte, galt nicht in erster Linie seiner eigenen körperlichen Genesung, sondern der unmittelbar bevorstehenden Rosenblüte, deren fachgerechte Pflege in den entscheidenden, kommenden Wochen ohne ihn, wie er befürchtete, möglicherweise nicht in der gewohnten, jahrzehntelang eingeübten Sorgfalt gewährleistet wäre.

Die Wendung

Ich verstand rasch und ohne weiteres Nachfragen, dass E.T.s Verbindung zu diesem Garten weit über ein gewöhnliches Hobby hinausging, eine über Jahrzehnte gewachsene Beziehung zu einem Ort, den er, wie er es ausdrückte, „mit seinen eigenen Händen mitgeformt” hatte. Die Bildgebung zeigte einen deutlichen Bandscheibenvorfall, der eine operative Entlastung nahelegte, und wir planten den Eingriff bewusst so, dass E.T., unter fachgerechter Anleitung, möglichst rasch zu leichteren gärtnerischen Tätigkeiten zurückkehren konnte, auch wenn die intensivere körperliche Arbeit noch einige Zeit warten musste.

Die Rettung

Die Operation, eine mikrochirurgische Entfernung des vorgefallenen Bandscheibenmaterials, verlief ohne Komplikationen. Ich besprach mit E.T. im Anschluss ausführlich, welche gärtnerischen Tätigkeiten er in welcher Phase seiner Genesung wieder aufnehmen könnte, vom anfänglich reinen Beobachten und Anleiten anderer freiwilliger Helfer bis hin zu den später wieder möglichen, leichteren Pflegearbeiten, eine gestufte Rückkehr, die uns beiden, wie ich glaube, gleichermaßen wichtig war.

Der Weg zurück

E.T. erholte sich gut und deutlich rascher als von uns anfänglich erwartet von der Operation, und er war tatsächlich, wenn auch zunächst nur in beratender Funktion, während der entscheidenden Wochen der Rosenblüte in seinem geliebten Garten präsent, dirigierte die anderen freiwilligen Helfer geduldig von einer eigens für ihn aufgestellten Gartenbank aus, ohne dabei auch nur eine Anweisung zu vergessen. Innerhalb weniger Monate konnte er, mit angepasster Technik und deutlich schonenderen Bewegungsabläufen, die er sich in der Rehabilitation sorgfältig angeeignet hatte, auch wieder selbst Hand anlegen. Er schickte mir, zur Hauptblütezeit im folgenden Jahr, eine sorgfältig gepresste, getrocknete Blüte seiner ältesten und, wie er mir mit sichtlichem Stolz versicherte, wertvollsten Rosensorte, begleitet von einer handgeschriebenen Notiz mit den Namen aller Rosen, die er in jenem Jahr gemeinsam mit seinen Helfern gepflegt hatte.

Die Nachwirkung

E.T.s Fall hat mir noch einmal eindrücklich gezeigt, wie tief manche Menschen mit einem selbst geschaffenen oder gepflegten Ort verwurzelt sind, und wie wichtig es ist, bei der Behandlungsplanung nicht nur die körperliche Funktion, sondern auch diese oft über Jahrzehnte gewachsene, persönliche Bindung an eine bestimmte Tätigkeit oder einen bestimmten Ort mitzudenken. Ich habe seither mehrfach ähnliche, gestufte Rückkehrpläne für Patienten mit vergleichbar bedeutsamen ehrenamtlichen oder hobbybedingten Verpflichtungen entwickelt. Der Prior des Klosters, der mich einige Monate später zufällig bei einer Veranstaltung ansprach, dankte mir ausdrücklich nicht nur für E.T.s Behandlung, sondern auch dafür, dass wir seine Rückkehr so behutsam und schrittweise gestaltet hatten, dass der Garten, wie er es formulierte, „keinen einzigen Sommer ohne seine vertraute Hand auskommen musste”, eine Rückmeldung, die mich, angesichts der stillen Bedeutung dieses Ortes für so viele Menschen, besonders freute.

Ich lege die gepresste Rosenblüte sorgfältig zwischen die Seiten eines meiner eigenen Bücher, wo sie seither, wie ich beim gelegentlichen Durchblättern feststelle, kaum an Farbe verloren hat, bevor ich die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.

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